Dazu kam es nicht. Aber es hätte gepasst: 1990 war Kempowski nach mehr als vierzig Jahren zum ersten Mal wieder in Rostock und Umgebung – vierzig Jahre, in denen zwischen Bautzen und Nartum ein ganzes Leben lag.
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Die Rückkehr 1990
»Das Wiedersehen mit der Heimat war überwältigend. Es weckte Erinnerungen, riss jedoch auch alte Wunden auf«, schreibt die Kempowski-Stiftung Haus Kreienhoop auf ihrer Internetseite (www.kempowski-stiftung.de). Die Rostocker Familie hatte nach dem Krieg alles verloren: die Firma, die Wohnung, das Mobiliar, die Heimat, dazu Fotos, Briefe und Bücher.
1956 kam er nach acht Jahren Haft frei und ging in den Westen: erst Hamburg, dann Göttingen, wo er mit achtundzwanzig das Abitur nachholte und Pädagogik studierte, ab 1960 Volksschullehrer in Breddorf, ab 1965 in Nartum bei Bremen. Aus dieser Dorfschulexistenz heraus entstand alles Weitere – das Werk, das Archiv, der Schriftsteller.
Seine Heimat Rostock, die Landschaft dort und die mecklenburgische Ostseeküste hat er nie vergessen. Am Neujahrstag 1990 hielt er in seinem Tagebuch fest, dass ihn diese Stadt in all den Jahren der Trennung nie losgelassen habe: beschrieben habe er sie, vor und zurück, Fotos gesammelt, sie sogar aus Papier nachgebaut. Von Sehnsucht zu sprechen, fand er untertrieben. Am nächsten Tag holte er seinen Bruder Robert ab, und die beiden fuhren zum ersten Mal seit über vierzig Jahren in die Heimat.
Der Weg führte sie am 5. Januar 1990 über Rostock nach Rövershagen – ein Name, an dem Kempowski sich freute. Von dort waren früher die elend langen Sonntagswanderungen nach Graal losgegangen: die Eltern voran auf der schnurgeraden Schneise, die Kinder hinterher, Tee mit Zitrone in der Feldflasche, der Vater mit Kartentasche und Fernglas aus dem Ersten Weltkrieg.
Im Mai desselben Jahres saß Kempowski ein paar Stunden am Strand von Graal. Das Wetter war wunderbar, keine Menschenseele zu sehen, und von den großen Tagen seiner Eltern war keine Spur mehr zu finden. Er nahm eine von der See rundgeschliffene Glasscherbe mit. Am Ostersonntag im April 1993 las er im »Haus Grahl« aus seinen Werken.
Von 1990 an kam Kempowski regelmäßig nach Rostock und mehrfach nach Graal‑Müritz; zu diesen Besuchen gehörten Fahrten mit dem Pferdewagen durch die Rostocker Heide. Fast zwanzig Jahre blieben ihm dafür.
1994 machte ihn die Hansestadt Rostock zum Ehrenbürger, 2002 verlieh ihm die Universität die Ehrendoktorwürde, 2003 eine Honorarprofessur für Neuere Literatur- und Kulturgeschichte. Sein Archiv liegt heute im Kempowski-Archiv Rostock, Klosterhof Haus 3.
Graal in den Romanen
Wie es sich anfühlt, in Graal anzukommen, hat er in »Aus großer Zeit« beschrieben: Nach einer Woche ist man dort zu Hause. Der Ort liegt im Wald, zum Strand geht man eine Viertelstunde über schmale, federnde Wege, glatt von alten Tannennadeln, und über einem schwanken die Kiefern wie Mastbäume gegen einen Himmel, über den die Wolken jagen.
An Graal hingen für Kempowski zwei Sorten Erinnerung: die eigenen Ausflüge von Rostock aus, und eine, die älter war als er. Im Sommer 1913 lernten sich seine Eltern auf der Seebrücke kennen – die Mutter, Margarethe Collasius, war 17, der Vater, Karl Kempowski, gerade 15. Im Tagebucheintrag von 1990 gibt Kempowski das Alter des Vaters abweichend mit »siebzehn« an.
In seinem Tagebuch von 1983, veröffentlicht als »Sirius«, beschreibt Kempowski Familienfotos, die in jenem Vorkriegsjahr 1913 in Graal am Strand entstanden sind: lauter sorglose, gut genährte Menschen in der Sonne, siebzig Jahre zuvor aufgenommen – und nirgends ein Anzeichen dafür, was ein Jahr später kommen würde.
Die Geschichte seiner Familie hat Kempowski in seinen Romanen festgehalten, das Kennenlernen der Eltern auf der Graaler Seebrücke eingeschlossen. Der Zyklus heißt »Deutsche Chronik« und erzählt eine Familie und nebenbei ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte, mit einem Blick fürs Beiläufige und einem Humor, der sich nicht aufdrängt.
Wer wissen möchte, wie man in Rostock um 1915 oder 1925 oder 1935 gelebt, gedacht und gesprochen hat, erfährt das in Kempowskis Romanen »Aus großer Zeit« (1978), »Schöne Aussicht« (1981) und »Tadellöser & Wolff« (1971).
Wie die Eltern sich fanden
Wie die Ehe seiner Eltern zustande kam, erzählt »Aus großer Zeit«. Die Kempowskis reisen 1913 an die Ostsee, nach Graal, das zwischen Rostock und Stralsund liegt und im Prospekt mit steinfreiem Strand und vorzüglichem Wellenschlag beworben wird: ein kleiner Badeort mit wenigen Hotels und Pensionen, fünf Mark am Tag, alles inklusive. In der Pension »Waldperle« wird an einer großen gemeinsamen Tafel in der Glasveranda gegessen. Als die Kempowskis dort zum ersten Mal erscheinen, mit Dienstmädchen und Rollstuhlschieber, wird getuschelt: Wer ist der Herr, der nicht richtig gehen kann und gestützt werden muss? Mutter und Tochter machen Eindruck. Karl, den fünfzehnjährigen Sohn, beachtet zunächst kaum jemand.
Karl macht sich dennoch bemerkbar. Er hat vollendete Tischmanieren, ist höflich zu den älteren Damen, spielt fabelhaft Klavier, führt den Spazierstock wie ein Artist, trägt einen karierten Anzug und Gamaschen über den Schuhen. Abends steht er auf der Seebrücke und lässt die Spaziergängerinnen an sich vorbeidefilieren, wovon er einem Freund reichlich angeberisch berichtet. Im August 1913 erscheint dort eine zierliche Blondine mit Mittelscheitel: Grethe de Bonsac aus Hamburg, Tochter eines Kaufmanns mit Geschäft in den Großen Bleichen. In Wirklichkeit hieß die Familie Collasius; im Roman wohnt sie in der »Villa Ida« für vier Mark Vollpension und findet die Entscheidung für Graal genauso gelungen wie die Kempowskis – das Essen großartig, Lachs in Gelee, Zunge in Burgunder, und sogar der Kaffee gut.
Gebadet wird erst am dritten Tag, und dann nur zwei oder drei Wellen weit, in einer Kette, weil auf dem Grund angeblich tiefe Löcher lauern, in die man nur hineintreten muss, um verloren zu sein. Danach sitzt die Familie in voller Montur am Strand, die Mutter breit und schwer auf dem Klappstuhl, die erwachsenen Töchter weiß von Kopf bis Fuß im Strandkorb, die Hände im Schoß. Draußen stampft der Raddampfer »Fürst Blücher« durch die Wellen, die Ausflügler an Bord winken herüber, und man hätte, denkt die Familie, doch das Fernglas mitnehmen sollen.
Auf der Landungsbrücke steht eine Holzbude, in der es Ansichtskarten von genau dieser Holzbude zu kaufen gibt. Dort lernt Grethe am 15. August 1913 Karl Kempowski kennen. Er kommt aus Rostock, trägt eine Uhrkette auf dem Bauch und hat seinen Hund Stribold dabei. Sein breites Mecklenburgisch findet sie zum Lachen, er findet es schön, wie sie über einen spitzen Stein stolpert – und dann wird schon erörtert, ob man sich am Sonnabend auf der Réunion sieht.
Und obwohl Grethe in diesem Graaler Urlaub viel über Karl lacht, obwohl sie ihn nachmacht, obwohl die Liaison für sie nur ein Spiel und ein Zeitvertreib ist, und obwohl sie während des Ersten Weltkriegs unsterblich in einen anderen Mann verliebt ist, verloben sich die beiden 1917 und heiraten bald nach dem Krieg.
In seinem Tagebuch von 1983, das sieben Jahre später als »Sirius« erschien, hielt Kempowski fest, was ihn an »Schöne Aussicht« mehr interessierte als die historische Szenerie und der Aufstieg des Nationalsozialismus: dass zwei Eheleute, die einander eigentlich nicht wollten, gemeinsam etwas Tragfähiges zustande brachten. Von einer Vernunftehe könne bei seinen Eltern keine Rede sein, eher von einer Verlegenheitsehe. Unvergessen blieben ihm die ständigen Streitereien bei Tisch, die meist von der Mutter ausgingen, weil der Vater nie mit ihr irgendwohin ging. Er schwieg dann.
Die erste Zeit der Ehe seiner Eltern und seine Kindheit in Rostock beschreibt Kempowski in dem Roman »Schöne Aussicht«, der direkt an »Aus großer Zeit« anschließt. Wieder ein Rostocker Familienleben, diesmal in den zwanziger und dreißiger Jahren, und wieder bis in die Beiläufigkeiten hinein genau.
Ausflüge nach Graal, und zwar zu Fuß, waren auch in Kempowskis Kindheit an der Tagesordnung. Nur mit der Familie oder auch in größerer Gesellschaft. Eine solche Unternehmung schildert »Schöne Aussicht«: Der Jägerkreis bricht an einem Sonntag um sechs Uhr morgens auf, um das Sommerwetter auszunutzen. Es lockt die Rostocker Heide, rund 6 000 Hektar zwischen Warnow und Ostsee, gut 5 000 davon Wald, und nach einer kilometerlangen Schneise, immer geradeaus, kommt die Gruppe in der Hitze am Strand von Graal an. Das Rauschen hat sich vorher angekündigt; von einer Düne aus wird die See in Augenschein genommen, den Damen flattern die Haare, den Herren die Schlipse. Man kehrt in der »Strandperle« unter der Blutbuche ein, bestellt Schollen, die in dieser Jahreszeit besonders gut sind, und ein kühles Bier für 15 Pfennig. Danach gehen die Eheleute Kempowski hinaus auf die lange Brücke zu jener Ansichtskartenbude, setzen sich Hand in Hand auf die Bank und sehen den Wellen zu, und hinten sogar einem Schiff.
Nach der Rückkehr zur Gruppe geht der Tratsch munter weiter, denn von der »Strandperle« aus lässt sich die ganze Promenade überblicken. Man echauffiert sich ein wenig über zu eng anliegende Badeanzüge, und dann kommt ein Paar vorbei, das Kempowski mit sichtlichem Vergnügen ausstellt: sie im Dirndl, mit Brillantschmuck und blutrot lackierten Nägeln, die Söckchen wie Papiermanschetten am Kotelett; er braungebrannt und kahl, im Tennishemd ohne Krawatte. Über einen solchen Auftritt auf der Graaler Promenade ließ sich lange reden.
Herkunft, Haft, Neuanfang
Walter Kempowski wurde am 29. April 1929 als Rostocker Reederssohn geboren. Er hatte zwei ältere Geschwister, Ursula und Robert. Nach dem Zweiten Weltkrieg – der Vater war gefallen – ging Walter Kempowski in den Westen und arbeitete als Verkäufer in einem PX-Store der US Army in Wiesbaden. Er berichtete dem amerikanischen Abschirmdienst CIC über den Abtransport von Gütern aus dem Rostocker Hafen durch die sowjetische Besatzungsmacht; die Frachtbriefe selbst hat nach den CIC-Akten allerdings nicht er übergeben, sondern sein Freund Hans Siegfried.
Ein Besuch bei der Mutter in Rostock beendete das. Am 8. März 1948 wurde Kempowski verhaftet; ein sowjetisches Militärtribunal verurteilte ihn im August zu 25 Jahren Arbeitslager wegen Spionage. Es traf die ganze Familie: Bruder Robert bekam ebenfalls 25 Jahre, die Mutter zehn Jahre Zwangsarbeit. Kempowski war bei Haftbeginn achtzehn und kam am 7. März 1956 mit sechsundzwanzig frei, nach acht Jahren, überwiegend im Zuchthaus Bautzen. Im Westen wurde ihm die Anerkennung als politischer Häftling dann verweigert – die Behörden werteten die Tat als Spionage. Seine Eingaben dagegen liefen bis 2002 und blieben ohne Erfolg.
Vielleicht gab das den Ausschlag dafür, dass Walter Kempowski nun unermüdlich mit seiner schriftstellerischen Arbeit begann. 1969 erschien sein Erstling »Im Block«, ein Bericht über seine Haftzeit. Der Literaturkritiker Volker Hage hat in »Walter Kempowski. Bücher und Begegnungen« (2009) beschrieben, was danach folgte: Der literarische Neuling, ein Opfer von Willkürjustiz, trug nach der Haft zunächst alles zusammen, was ihn an Kindheit und Jugend erinnerte – alte Fotos, Adressbücher, Zeitungen, Spielzeug. Später setzte er seine Mutter, seinen Bruder und andere Verwandte vor ein Tonbandgerät und befragte sie. Daraus wurde erst der Roman »Tadellöser & Wolff« und später jene Chronik des deutschen Bürgertums, mit der er berühmt geworden ist.
Jene »Deutsche Chronik« besteht aus sechs Romanen, die rund 2 500 Seiten und die Zeitspanne von 1885 bis 1960 umfassen. Am bekanntesten wurde »Tadellöser & Wolff«, weil Eberhard Fechner den Roman 1975 für das ZDF verfilmte. Edda Seippel und Karl Lieffen spielten die Eltern so, dass Kempowski später sagte: »Ich sehe statt meiner Eltern immer Karl Lieffen und Edda Seippel.«
1960 heiratete er Hildegard Janssen. Die Kinder kamen 1961 und 1962 zur Welt: Karl-Friedrich und Renate. Rund zwanzig Jahre lang blieb Kempowski im Schuldienst des Kreises Rotenburg an der Wümme, zuletzt bis 1979 in Zeven.
Walter Kempowski starb am 5. Oktober 2007 in Rotenburg an der Wümme.
Die Romane der »Deutschen Chronik«:
- Aus großer Zeit (1978) – Leben der Großeltern und Eltern bis 1918
- Schöne Aussicht (1981) – 20er Jahre bis zum Beginn der Naziherrschaft
- Tadellöser & Wolff (1971) – Kempowskis Jugend in Rostock bis zum Kriegsende
- Uns geht’s ja noch gold (1972) – Rostock in den unmittelbaren Nachkriegsjahren bis zur Verhaftung des 18-jährigen Walter 1948
- Ein Kapitel für sich (1975) – Acht Jahre Haft in Bautzen und die Ankunft in der Bundesrepublik
- Herzlich willkommen (1984) – Die ersten Jahre in der Bundesrepublik
Das Echolot
Neben der eigenen Familiengeschichte interessierte Walter Kempowski sich auch immer für die kollektive Erfahrung der Deutschen. Schon 1972 hatte er die fixe Idee, ihnen nur eine einzige Frage zu stellen: Haben Sie Hitler gesehen? Das Buch, »ein grandioses Dokument der Zeitgeschichte« (Hage), erschien 1973. Es folgte 1979 die Veröffentlichung der Antworten auf die zweite Frage »Haben Sie davon gewußt?«, auch diese Sammlung »ein Ereignis« (Hage).
Außerdem begann Kempowski in den 80er-Jahren, biographische Materialien zu sammeln, oft per Zeitungsannonce: Tagebücher, Briefe, Autobiographien, Notizen und Fotografien. So entstand ein Archiv, dessen Substanz, wie er in einem Interview sagte, kein zeitgenössischer Roman erreiche – und genau das habe ihn daran fasziniert. Echolot nannte er das Mammutprojekt, in dem er das Material sichtete, sortierte, zu Collagen fügte und veröffentlichte – ein Parallelunternehmen, der zweite Rumpf eines Katamarans; die archivarische Arbeit stand damit gleichrangig neben der literarischen. Frank Schirrmacher schrieb in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 13. November 1993: »Wenn die Welt noch Augen hat zu sehen, wird sie, um es in einem Wort zu sagen, in diesem Werk eine der größten Leistungen der Literatur unseres Jahrhunderts erblicken.« Volker Hage hatte das Werk schon ein Jahr vor Erscheinen, im Spiegel-Schlussheft 53/1992 zum Vorabdruck, »eines der letzten großen Wagnisse dieses Jahrhunderts« genannt.
Das Echolot-Projekt:
- Das Echolot. Ein kollektives Tagebuch. Januar und Februar 1943 (1993, vier Bände)
- Das Echolot. Fuga furiosa. Ein kollektives Tagebuch. Winter 1945 (1999, vier Bände)
- Das Echolot. Barbarossa ’41 (2002)
- Das Echolot. Abgesang ’45 (2005)
Aus dem Umfeld des Echolots:
- Der rote Hahn. Dresden im Februar 1945 (2001)
Weitere Romane:
- Hundstage (1988)
- Heile Welt (1998)
- Letzte Grüße (2003)
- Alles umsonst (2006)
Tagebücher:
- Sirius. Eine Art Tagebuch (1990)
- Alkor. Tagebuch 1989 (2001)
- Hamit. Tagebuch 1990 (2006)
- Somnia. Tagebuch 1991 (2008)