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Ort der Literaten

Meer. Natur. Inspiration.

Diese Schriftsteller waren nachweislich in Graal oder Müritz. Vier ihrer Geschichten erzählen wir hier ganz.

Johannes Trojan, vier Jahrzehnte lang beim Berliner »Kladderadatsch«, kam auf seinen Wanderungen immer wieder her; 1884 berichtete er im Nationalblatt über den Fortschritt in Müritz – eine Telefonverbindung nach Ribnitz und eine Leihbibliothek, »zwar nur klein, aber vortrefflich«. Aus Graal schrieb er, wie froh er sei, sich aus »der Hauptstadt brausendem Gewühl« in »dieses Dörfchen Frieden« gerettet zu haben. Der Maler und plattdeutsche Dichter Hans Vollrath Kirsch kam 1904 und blieb bis zu seinem Tod 1953. Robert Musil stieg im August 1906 im Waldhotel in Graal ab – im selben Hotel wie Martha Marcovaldi, die er fünf Jahre später heiratete. Im selben Jahr machte Hans Fallada als Junge zum ersten Mal Sommerferien in Graal. Erich Kästner erlebte 1914 in Müritz den Tag, an dem der Erste Weltkrieg begann. Kurt Tucholsky verbrachte im September 1920 zwei Wochen Hochzeitsreise in der Graaler Pension »Buchenhof«. Rudolf Presber kaufte 1921 das Sommerhaus »Ithaka« in der Fritz-Reuter-Straße, bezog es 1922 und wurde 1928 zum ersten Ehrenbürger der Gemeinde ernannt; vierzig Jahre später wohnte dort Herbert Nachbar, heute sitzt in dem Haus die Bäderbibliothek. Franz Kafka lernte 1923 in Müritz Dora Diamant kennen, die ihn bis zu seinem Tod begleitete. Die Lyrikerin Ida Heincke, lange in Rostock zu Hause, ließ sich schließlich in der »Villa Flora« in der Kurstraße nieder und starb 1936 in Graal. Und die Eltern von Walter Kempowski kamen 1913 auf der Graaler Seebrücke ins Gespräch – aus dieser Begegnung ging die Familie hervor, deren Geschichte er später in der »Deutschen Chronik« erzählt hat.

in Müritz · 1923

Franz Kafka

1883–1924

Franz Kafka, 1923 · Urheber unbekannt · gemeinfrei · für diese Seite KI-koloriert

Am Meer war Kafka selten gewesen. Zum ersten Mal im Sommer 1901, mit achtzehn, gleich nach dem Abitur: allein nach Helgoland, wo ihn Anfang August sein Onkel Siegfried Löwy traf, dann drei Wochen mit ihm auf Norderney. Das zweite Mal dreizehn Jahre später – im Juli 1914 ein Nachmittag im Wasser vor Travemünde, danach zwei Wochen im dänischen Ostseebad Marielyst, zusammen mit Ernst Weiß und Rahel Sanzara.

1923 war die Reise etwas anderes. Am 10. August 1917 hatte ein Blutsturz die Lungentuberkulose offengelegt, die nicht mehr zu beherrschen war; sechs Jahre später war Kafka schwer krank und vierzig Jahre alt. Bis auf wenige Ausnahmen hatte er sein Leben in Prag verbracht. Was, wenn er unterwegs bettlägerig würde? Er fuhr trotzdem. Bis Berlin begleiteten ihn seine Schwester Elli und ihre Kinder Felix und Gerti; Elli bezog das Quartier vor ihm, Kafka traf am 9. Juli 1923 ein. 29 Tage blieb er, bis zum 6. August.

Die »Pension Glückauf«

Untergebracht war die Familie in der »Pension Glückauf« in Müritz, einem Haus mit 22 Zimmern, acht Gehminuten vom Strand. Geworben hat es mit dem Blick und mit dem Komfort:

»Das Ostseebad Müritz liegt in Laub- und Nadelwaldungen eingebettet, hat besonders im Osten breiten, steinfreien Strand, romantische Dünen. Hier liegt in einer Entfernung, 8 Minuten vom Strande, in ruhiger, sonniger Lage, direkt am Walde die Pension ›Glückauf‹. […] Die Pension hat schöne, helle, gut eingerichtete ein- bis vierbettige Zimmer, fast alle mit Balkon oder Glasveranda und was besonders angenehm empfunden wird, alle Zimmer haben fließendes Warm- und Kaltwasser.«

Werbetext der Pension, örtlich überliefert; eine zeitgenössische Fundstelle – Prospekt, Annonce, Bäderzeitung – ließ sich nicht ermitteln.

Die meisten Häuser in Müritz standen am Wald, gebaut in der Bäderarchitektur der Jahrhundertwende, mit Balkonen und Veranden. Kafka hatte einen davon. Öffnete er die Tür, hörte er Kinderstimmen: keine fünfzig Schritte weiter lag das Ferienheim des Jüdischen Volksheims Berlin.

Der Sabbatabend, an dem er Dora Diamant traf

Das Jüdische Volksheim war 1916 in der Berliner Dragonerstraße von Siegfried Lehmann gegründet worden und kümmerte sich um Bildung und Erziehung ostjüdischer Kinder. Kafkas Freund Max Brod förderte den Verein, seine frühere Verlobte Felice Bauer hatte dort Lektürekurse gehalten, Kafka sie brieflich aus Prag dabei beraten. Betreten hat er das Berliner Haus selbst nie – und nun stand ein Ableger davon schräg gegenüber.

Den Anstoß gab ein Mädchen aus der Ferienkolonie. Die sechzehnjährige Tile Rössler, Lehrling im Buchhandel, hatte ihn erkannt: »Der Heizer« hatte in ihrer Auslage gelegen. Über sie kam Kafka mit den Betreuern und Kindern ins Gespräch und ließ sich zum Freitagabend vor dem Sabbat einladen. Es war der 13. Juli 1923. An diesem Abend sah er zum ersten Mal die junge Frau, die in der Küche arbeitete: Dora Diamant. Sie dagegen hatte ihn schon gesehen, am Strand.

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Dora Diamant stammte aus einer chassidischen Familie in Polen und arbeitete freiwillig in der Müritzer Ferienkolonie. Wie alt sie damals war, ist bis heute strittig: Sie selbst nannte neunzehn Jahre, und so steht es auch bei Max Brod; die Biografin Kathi Diamant fand später eine Geburtsurkunde vom 4. März 1898 – dann wäre sie fünfundzwanzig gewesen.

Ihre Erinnerung an die erste Begegnung hat sie später aufgeschrieben. Am Strand sei ihr eine Familie aufgefallen, Eltern und zwei Kinder, und darunter ein Mann, dessen Eindruck sie nicht mehr losgeworden sei; sie sei den Leuten sogar in den Ort nachgegangen. Als im Volksheim angekündigt wurde, ein Dr. Franz Kafka komme zum Abendessen, stand sie gerade in der Küche. Sie blickte auf – draußen vor dem Fenster war es dunkel geworden, jemand stand dort – und erkannte den Mann vom Strand. Dass es Kafka war und dass die Frau an seiner Seite seine Schwester gewesen war, wusste sie bis dahin nicht. Er trat ein und sagte leise etwas darüber, dass so zarte Hände so blutige Arbeit verrichten müssten.

Von da an verbrachten die beiden in Müritz viel Zeit miteinander. Kafka verließ ihretwegen Prag: Von September 1923 bis März 1924 wohnten sie in Berlin, er in Steglitz, sie im Scheunenviertel. Es war eine intensive Zeit unter schlechten Bedingungen – wegen Inflation und Wirtschaftskrise waren sie auf Geld- und Lebensmittelsendungen aus Prag angewiesen, und Kafka stand stundenlang in Schlangen.

Auch Heiratspläne gab es. Max Brod überliefert, Kafka habe Doras frommem Vater geschrieben, er sei zwar im traditionellen Sinne kein gläubiger Jude, aber doch ein »Bereuender«, ein »Umkehrender«, und dürfe deshalb vielleicht hoffen, in die Familie aufgenommen zu werden. Der Vater reiste mit dem Brief zum Gerer Rebbe, dessen Autorität ihm über alles ging. Der las, legte den Brief weg und sagte nichts als ein kurzes »Nein«.

Wie Dora Kafka sah, unterscheidet sich von dem Bild, das die meisten von ihm haben:

»Kafka war immer heiter. Er spielte gern, er war der geborene Spielkamerad, der immer zu irgendwelchen Späßen aufgelegt ist.«

Dora Diamant, Erinnerungen, in: Hans-Gerd Koch (Hg.), »Als Kafka mir entgegenkam«, Wagenbach, Berlin 2005, S. 196.

Von ihr stammt auch die bekannteste Geschichte über Kafka und die Kinder: Bei einem Spaziergang im Park habe er ein weinendes Mädchen getroffen, das seine Puppe verloren hatte, und ihm erklärt, die Puppe sei nur verreist, sie habe ihm geschrieben; den Brief werde er morgen mitbringen. Zu Hause habe er sich hingesetzt und ihn geschrieben, so ernsthaft, als gelte es ein Werk. Belegt ist die Episode allein durch Doras mündliche Überlieferung, und schon in den Fassungen bei ihr und bei Max Brod stimmen weder Zeit noch Ort überein – die Forschung hält den Vorgang für möglich, aber nicht für gesichert.

Die Berliner Zeit endete, als die Tuberkulose ins letzte Stadium trat. Kafka wurde nach Prag gebracht, danach in Sanatorien und Krankenhäuser bei Wien. Als Dora ihn wiedersah, konnte er nicht mehr sprechen. Sie war bei ihm, als er am 3. Juni 1924 starb; bei der Beisetzung in Prag brach sie zusammen.

Was Dora von ihm aufbewahrte, ist verloren. Am 8. März 1933 durchsuchte die Gestapo ihre Wohnung in der Pariser Straße in Berlin-Wilmersdorf und beschlagnahmte 35 Briefe Kafkas an sie und 20 Notizbücher. Sie sind bis heute verschollen; das Kafka Project der San Diego State University sucht seit Jahrzehnten danach.

Herkunft und Beruf

Am 3. Juli 1883 wurde Franz Kafka als erstes Kind des Kaufmanns Hermann Kafka und seiner Frau Julie in Prag geboren. Zwei Brüder folgten und starben früh: Georg 1886 mit fünfzehn Monaten an Masern, Heinrich 1888 mit sechs Monaten. Dann kamen die Schwestern Gabriele (Elli), Valerie (Valli) und Ottilie (Ottla). Der Vater war herrisch und jähzornig, die Mutter blieb wenig präsent, und die Dienstmädchen und Köchinnen ließen ihre Überlegenheit an den Kindern aus. Franz wurde ein ängstliches Kind und zog sich zurück.

Der Hang zum Alleinsein blieb, ein paar Freundschaften hielten dafür lange. Die wichtigste war die zu Max Brod, ein Jahr jünger, Studienfreund – und der Grund, warum es Kafkas Werk überhaupt gibt: Als Nachlassverwalter setzte Brod sich über den letzten Willen seines Freundes hinweg, der die Verbrennung aller Manuskripte verlangt hatte.

Nach Ausflügen in Germanistik und Philosophie studierte Kafka Jura, ausschließlich in Prag. Die rechtshistorische Staatsprüfung bestand er 1903 »mit gutem Erfolg«, die übrigen Prüfungen »mit genügendem Erfolg«. Am 18. Juni 1906 wurde er zum Doktor der Rechte promoviert – zwei Wochen vor seinem 23. Geburtstag, also mit 22. Vom Juli 1908 bis zur Pensionierung im Juli 1922 arbeitete er für die »Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen«, knapp vierzehn Jahre, ohne Freude daran. Sein »Kritzeln« in der Nacht war sein »einziges Verlangen«.

Schriftsteller werden wollte er früh. Sein Schulfreund Hugo Bergmann erinnerte sich, Kafka habe schon in den ersten Gymnasialjahren davon gesprochen; aus jener Zeit stammen die ersten Versuche. Im März 1908, mit 24, erschienen acht kurze Prosastücke in der Zeitschrift »Hyperion«.

Das Werk, in Jahren

1912 ist Kafkas Jahr. Er beginnt den »Verschollenen« (Brod gab ihm später den Titel »Amerika«), er begegnet am 13. August Felice Bauer – zweimal werden sie sich verloben und nie heiraten –, und in einer einzigen Nacht schreibt er »Das Urteil«, mit dem er zu der Darstellungsart findet, die man heute kafkaesk nennt. Im selben Jahr erscheint bei Rowohlt in Leipzig sein erstes Buch, »Betrachtung«, achtzehn kurze Prosastücke; das Titelblatt trägt bereits die Jahreszahl 1913.

1913 folgt »Der Heizer«, das erste Kapitel des »Verschollenen«, und im Juni der Erstdruck des »Urteils« im Jahrbuch »Arkadia«; als eigenes Bändchen erscheint es erst im Oktober 1916. 1914 beginnt Kafka den »Proceß«. »Die Verwandlung« steht im Oktober 1915 in den »Weißen Blättern« und kommt im Dezember desselben Jahres als Buch heraus. 1917 der Blutsturz. 1919 die Verlobung mit Julie Wohryzek, 1920 die Trennung und der lange Briefwechsel mit Milena Jesenská. 1922 beginnt er »Das Schloß«, im selben Jahr erscheint »Ein Hungerkünstler«.

Im Juli 1923 lernt er in Müritz Dora Diamant kennen und zieht ihretwegen nach Berlin. Im März 1924 muss er zurück nach Prag. Sein letztes Werk, »Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse«, erscheint am 20. April 1924 in der »Prager Presse«. Sechs Wochen später, am 3. Juni, stirbt er im Sanatorium Hoffmann in Kierling bei Wien.

in Graal · 1906–1909

Hans Fallada

1893–1947

Hans Fallada, Aufnahme vor 1936 · Urheber unbekannt, erschienen in Bonniers litterära magasin 6/1936 · gemeinfrei

Der Junge, der 1906 zum ersten Mal nach Graal kam, hieß noch Rudolf Ditzen und war dreizehn. Berühmt wurde er ein Vierteljahrhundert später, unter anderem Namen. Die Familie – die Eltern und vier Kinder – kam danach mehrere Sommer wieder; Fallada selbst schreibt unbestimmt, man habe »in Graal manchen Sommer die Ferien verbracht«. Die überlieferte Reihe reicht bis 1909, dem Jahr, in dem der Vater als Reichsgerichtsrat nach Leipzig ging.

Gewohnt wurde nicht im Hotel, sondern in einem gemieteten Bauernhaus, einer Büdnerei, wie sie für den Ort typisch war. »Wir hatten das kleine Bauernhaus fast ganz für uns, die Familie Beyer zog sich für die Saison in einen Anbau zurück«, notierte Falladas Mutter Elisabeth Ditzen.

Die Aufzeichnungen Elisabeth Ditzens sind nicht als Buch erschienen; eine Fundstelle für den Wortlaut ließ sich nicht ermitteln.

Fünfunddreißig Jahre später hat Fallada diese Ferien aufgeschrieben, in »Damals bei uns daheim. Erlebtes, Erfahrenes und Erfundenes« von 1941. Was dort steht, ist zugleich eine genaue Beschreibung des Bade- und Strandlebens an dieser Küste vor dem Ersten Weltkrieg:

»Morgens ging es regelmäßig an den Strand, aber fast jeden Nachmittag wurde ein langer Spaziergang durch die Wälder gemacht. Vater war unermüdlich, immer neue Ziele zu entdecken oder neue Wege zu alten Zielen. War es aber eines Tages zu heiß, so suchten wir uns eine schattige Stelle am Waldrand und Vater fing an zu erzählen. Nein, wie eilig flogen die Ferientage dahin. Kaum waren wir erst so recht aufgestanden, so mußten wir schon wieder ins Bett! Nun wurden schon die Blaubeeren reif. Aus dem Walde kamen wir mit schwarzen Mündern heim und mit Flecken in unsern weißen oder weiß-blau gestreiften Sommerblusen, über die Mutter schalt. Und dann gab es nach ein paar Regentagen Pilze über Pilze.«

Einmal ging etwas schief. Rudolf wollte den Vater mit einem Feuerwerk überraschen und baute mit den Geschwistern Bänke für die Zuschauer – aus den Nägeln des Hauswirts. Das Feuerwerk misslang, ein Feuerwerkskörper verletzte den Vater an der Hand, und der sonst engelsgeduldige Bauer Beyer wurde zum einzigen Mal böse. »Da war alle Freude vorbei, und Rudolf hatte es sich doch so schön ausgedacht«, schließt der Bericht der Mutter.

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Die Wahl des Ortes

»Die Wahl des Ortes war stets recht schwierig, denn er mußte billig sein, nicht zu weit von Berlin entfernt liegen, und er mußte dem Ideal entsprechen, das meine Eltern von ländlicher Stille und Schönheit hatten. So haben die Eltern Sommerfrischen entdeckt, in die damals noch kaum je ein Berliner gekommen war. […], und wir haben in Graal manchen Sommer die Ferien verbracht, als dort noch alles still und ländlich war, ohne Strandkörbe und ohne Kurtaxe. In Müritz gab es schon Berliner, Müritz war ein aufblühendes Seebad, aber in Graal herrschte noch der Friede.«

Zweimal in der Woche baden, mehr nicht

»Wie die Tage dahinfliegen! Baden wir denn eigentlich gar nicht in der See? Doch! Natürlich baden wir! Graal fängt schon schüchtern an, sich ein Seebad zu nennen, da wird man wohl schon baden müssen. Freilich, es sind fast vierzig Jahre seitdem vergangen, eigentlich keine so außerordentlich lange Zeitspanne, aber jedenfalls dachte man damals noch sehr viel anders über Baden als heute! Zu vieles Baden war ungesund, es ›zehrte‹, man mußte sich mit dem Baden in acht nehmen, nicht zu lange und nicht zu häufig! So kam es, daß wir höchstens zwei- oder dreimal in der Woche badeten, und ich kann eigentlich nicht sagen, daß dieses seltene Baden unser Ferienglück irgendwie beeinträchtigte. […] Gott ja, man war nun einmal an der See, und so gehörte es eben dazu, aber im Grunde genommen war Waten viel schöner!«

Damenbad und Herrenbad

»Es gab zwei kleine Badeanstalten, ein Damen- und ein Herrenbad, und die Trennung nach Geschlechtern wurde aufs strengste durchgeführt. Der Gedanke, einfach vom Strand aus zu baden, war so sittenlos, daß er noch in keinem Schädel seine Sumpfblasen aufgetrieben hatte. Wohl kamen vereinzelt Entartete vor, die sich während der Badezeit in den Dünen herumtrieben, aber das waren nur Ausnahmen, die bald von wachthaltenden Fischern ermittelt wurden und der allgemeinen Verachtung anheimfielen. Groß aber kann ihre Ausbeute an Genüssen selbst mit Ferngläsern nicht gewesen sein, denn die Damen trugen ja damals noch diese seltsamen, meist roten Badeanzüge, bei denen die Hosen bis weit über das Knie hinabreichten. Ein Rock fiel noch darüber, und das Ganze saß, von einem Gürtel gehalten, teils in glänzender Falte, teils wie angeklatscht am Leibe und sah eher komisch aus als verführerisch.«

Der Kampf um die schönste Burg

»So wenig besucht damals Graal auch noch war, der Kampf um die schönste Burg stand doch schon in voller Blüte, und wir wollten nicht umsonst in tagelangen Bemühungen einen Wall und Graben angelegt haben, die auch der stärksten Sturmflut zu trotzen schienen! Die Freude, wenn man zur heimischen Burg kam, und alles war noch in bester Ordnung, die Empörung, wenn uns der Brettersteg über den Graben gestohlen war (den wir erst gestohlen hatten), oder gar der Balken, der Mutters Sitzplatz bildete! Aufklärungsfahrten wurden organisiert, Spione ausgesandt, und war der Verbleib des Diebesguts ermittelt, so wurde je nach Art und Kraft des neuen Besitzers entweder Bitten oder offene Gewalt oder List beschlossen. Ja, diese Sommerferien hatten auch noch das Gute zur Folge, daß wir vier Geschwister plötzlich einen Heerbann bildeten. Wie uns die Ferien den Eltern näherbrachten, so schufen sie auch zwischen uns Geschwistern, wenigstens gegen die Umwelt, Einigkeit. In Berlin waren wir vier zwei getrennte Großmächte gewesen […]. Hier in Graal war das ganz anders. Wollten wir etwas erreichen, mußten wir zusammenhalten.«

Mit dem Meßtischblatt nach Graal

»War der Ort der künftigen Sommerfrische bestimmt, so war das erste, daß mein Vater sich Karten von ihm kaufte, Karten der Landesaufnahme, sogenannte Meßtischblätter. […] Unter seiner Leitung lernten wir unmerklich Karten lesen, wir kannten bald jedes Zeichen auf diesen Blättern. Wir wußten den Weg von Gelbensande nach Graal mit jeder Abzweigung, jeder Schonung. Wir konnten genau sagen, wann der Wald aufhörte und das langgestreckte Dorf sichtbar wurde. Und so gut wir das alles im voraus wußten, so überrascht waren wir doch immer wieder, wenn das auf dem schwarz-weißen Blatt Gesehene sich in die Wirklichkeit umsetzte. Die kleinen, mickrigen Waldzeichen auf der Karte wurden nun zu einem überwältigend hohen Buchendom, der Weg, der so klar und glatt vor uns gelegen hatte, mit einem Blick zu übersehen, wand sich nun in vielen Krümmungen, daß man keine hundert Schritte voraussehen konnte, durch den Wald. Er war auch nicht glatt, tief war er in den Sand eingeschnitten, und hob sich über Hügelchen, von denen die Karte nichts gewußt hatte.«

Mohn und Kornblumen am Feldweg

»Noch an demselben Abend ging der Vater nach dem Abendessen mit uns Kindern zum Strand, Mutter und Christa bereiteten unterdes die Schlafgelegenheiten vor. Es war fast noch hell, und wir liefen jubelnd vom Feldweg an die Ränder der Kornfelder. Wir pflückten roten Mohn und blaue Kornblumen, rosa Raden und weiße Margeriten. Wir waren Großstadtkinder, es schien uns unbegreiflich herrlich, daß dies alles ›umsonst‹ wuchs, daß wir keiner Blumenfrau dafür Geld zu geben hatten.«

Der Weg durch den Wald zur See

»Nun kommen wir in den Wald, und es wird dunkler um uns. Wir Kinder halten uns näher beim Vater und fangen an zu lauschen, ob wir schon die Brandung der See hören. Aber Vater sagt uns, es wird heute keine Brandung geben, es ist kaum Wind gewesen am Tage. Und trotzdem hoffen wir und lauschen wir weiter.[…] Allmählich wird der hochstämmige Kiefernwald niedriger, er flacht sich gegen die See ab wie ein ungeheures schräges Dach, die Bäume sind alle landeinwärts gewachsen. Immer niedriger werden sie, immer verkrüppelter, hell schimmert es schon vor uns durch sie hindurch. Nun fangen wir doch wieder an zu laufen, jedes will zuerst die See sehen. Die Kiefern haben aufgehört, wir laufen nun mühsam im Dünensand bergan. Der Strandhafer raschelt, ein kühler Atem bläst uns sanft an. Und dann stehe ich wieder oben auf der Düne und wie jedes Jahr, wenn wir an der See sind, überfällt mich das altvertraute, und doch immer wieder bestürzende Gefühl der ungeheuren Weite, die sich mir auftut. Zuerst sehe und fühle ich nichts anderes als dies, wie groß das ist, wie es immer weiter geht, auch dort, wo Horizont und Wasser ineinander verlaufen.«

Hans Fallada hieß eigentlich Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen und wurde am 21. Juli 1893 in Greifswald geboren. Der Vater, Wilhelm Ditzen, war Landrichter; seine Laufbahn führte die Familie 1899 nach Berlin, wo er Kammergerichtsrat wurde, und 1909 nach Leipzig ans Reichsgericht. Das Haus war gutbürgerlich, die Jugend war es nicht.

Über seine erste Gymnasialzeit schreibt er später: »In der Schule, oder, wie wir sie nur nannten, in der Penne spielte ich zu jener Zeit eine höchst unselige Rolle. Ich ging auf das Prinz-Heinrichs-Gymnasium in der Grunewaldstraße, und das war damals ein sehr feines Gymnasium, womit gesagt werden soll, daß dort in der Hauptsache die Söhne von Offiziers- und Beamtenadel, auch von reichen Leuten die Schulbank drückten. Meine Eltern aber waren für äußerste Sparsamkeit, so kam es, daß ich, war eine Hose durchgerutscht, keine neue bekam, sondern daß meine Mutter ein paar handfeste Flicken in die arg verwundete setzte. Da sie nun aber oft keinen genau passenden Stoff hatte, so wurden ohne erhebliche Hemmung auch andere Stoffe dafür gewählt. Das ist nun gut fünfunddreißig Jahre her, und doch sehe ich die Hose des Unheils noch genau vor mir: es war eine dunkelblaue Bleyle-Hose, und mit grauen Flicken wurde sie geziert. Ach, über den Hohn und das Gespött, die mir diese Hose eingetragen hat! […] Ich sehe mich da noch stehen, blaß, kränklich, verzweifelt, in meinem Mauerwinkel. Die ganze Penne freute sich ihrer Freiviertelstunde, mir war sie eine Qual. Immer atmete ich auf, wenn es wieder zum Unterricht läutete.«

1910, mit siebzehn, erkrankte Ditzen auf einer Wandervogel-Fahrt an Typhus und erholte sich nur schwer. Die Eltern brachten ihn im Frühjahr 1911 für acht Wochen in ein Sanatorium bei Bad Berka. Im Oktober desselben Jahres kam es zu dem Vorfall, der sein Leben teilte: Am 17. Oktober 1911 inszenierte er mit seinem Freund Hanns Dietrich von Necker auf den Uhufelsen bei Rudolstadt ein Pistolenduell, von Anfang an als Doppelselbstmord verabredet. Von Necker starb, Ditzen überlebte schwer verletzt. Das Verfahren wegen Totschlags wurde eingestellt, weil man ihn für schuldunfähig hielt; von Februar 1912 bis Juli 1913 war er in der Pflegestätte Tannenfeld in Thüringen untergebracht.

Von 1917 an verbrachte er Jahre in Entzugskliniken und Sanatorien; gegen Alkohol und Morphin kämpfte er den Rest seines Lebens. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges begannen Ditzens erste schriftstellerische Versuche, von Anfang an unter dem Pseudonym »Hans Fallada«. Er hat es zusammengesetzt aus zwei Märchen der Brüder Grimm: »Hans im Glück« und der »Gänsemagd«, in der das sprechende Pferd »Falada« – bei Grimm mit einem l – die Wahrheit verkündet, bis die betrogene Prinzessin zu ihrem Recht kommt (»O du Falada, da du hangest«). Ein Selbstzeugnis Falladas zu dieser Herleitung gibt es nicht; die Forschung hält sie für die wahrscheinliche.

»Der junge Goedeschal« (1920) und »Anton und Gerda« (1923) blieben Misserfolge. Der Durchbruch kam 1931 mit »Bauern, Bonzen und Bomben«. »Kleiner Mann – was nun?« folgte ein Jahr später und wurde weltweit gelesen.

Weitere berühmte Werke Hans Falladas:

  • Wer einmal aus dem Blechnapf frißt (1934)
  • Wolf unter Wölfen (1937)
  • Geschichten aus der Murkelei (1938)
  • Der eiserne Gustav (1938)
  • Kleiner Mann, großer Mann – alles vertauscht (1940)
  • Damals bei uns daheim (1941)
  • Jeder stirbt für sich allein (1947)
  • Zwei zarte Lämmchen – weiß wie Schnee (1948)
  • Der Trinker (1950)
  • Ein Mann will hinauf (1953)

Im März 1933 denunzierten ihn die Vorbesitzer seines Hauses in Berkenbrück bei der SA: Sie wollten ein staatsfeindliches Gespräch belauscht haben. Ditzen saß kurz in Haft. Gefängniserfahrung hatte er da schon – 1923 drei Monate wegen Unterschlagung, 1926 zweieinhalb Jahre wegen Betrugs, beides Folgen seiner Sucht. Daraus, nicht aus 1933, ist »Wer einmal aus dem Blechnapf frißt« entstanden.

Im Juli 1944 wurde die Ehe mit Anna Issel geschieden. Am 1. Februar 1945 heiratete Ditzen die 28 Jahre jüngere Ursula Losch, die wie er von Alkohol und Medikamenten abhängig war. Im Dezember 1946 wurde er in die Nervenklinik der Charité eingewiesen und schrieb dort binnen eines Monats »Jeder stirbt für sich allein«. Am 5. Februar 1947 starb er, wenige Wochen nach der Verlegung in ein Krankenhaus in Pankow. Auf dem Totenschein steht Herzversagen; die Forschung geht von einer falsch dosierten Schlafmittelgabe aus.

in Müritz · 1914

Erich Kästner

1899–1974

Erich Kästner, 1961 · Foto: Basch / Anefo, Nationaal Archief · CC0

Ein Sommer, zweimal aufgeschrieben

Erich Kästner in Müritz, 1914

Im Juli 1914 wohnte in der Strandstraße von Müritz ein fünfzehnjähriger Dresdner. Erich Kästner war mit seiner Mutter und einer Cousine angereist, die Fahrt hatte eine Tante bezahlt. Es war seine erste größere Reise, und statt eines Rucksacks trug er zwei Koffer.

In diesen Wochen sah er zum ersten Mal das Meer. Er stand zwischen den Dünen, zerkratzt vom Strandhafer, und sah auf eine Fläche, die nirgends aufhört. Der Anblick hat ihn eher erschreckt als beglückt. Was der Strand hergab, war handlicher: Bernstein und Quallen am Spülsaum, Muscheln.

Am schönsten waren ihm die klaren Nächte. Über der See standen Sterne, wie er sie aus Dresden nicht kannte. Er saß auf der Seebrücke, die er in seinen Erinnerungen Mole nennt: Mondlicht, der Takt der Wellen, und dann von weit her Musik. Ein Küstendampfer kam von einer Mondscheinfahrt zurück, Lampions an Bord, legte am Molenkopf an und ließ seine Gäste an Land. Kurz darauf war es wieder still.

Den Spott ließ er auch als Junge nicht. Er beschreibt, wie die Städter, der Enge kaum entkommen, sich am Strand auf wenigen Metern zusammendrängten, während links und rechts kilometerweit niemand lag. Die Quartiere am Wasser verglich er mit Mietskasernen, denen immerhin das Dach fehle.

Am 1. August 1914 wurde die allgemeine Mobilmachung angeordnet. Binnen einer Stunde war im Ort jedes Fuhrwerk vermietet, bis zum letzten Karren. Die Kästners trugen ihre Koffer zu Fuß durch den Wald, in einem Zug von Leuten, die alle nur noch nach Hause wollten. Seine Kindheit, hat er später geschrieben, endete an diesem Tag.

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Korlsbüttel, 1935

Aufgeschrieben hat er diesen Sommer zweimal, und beide Male aus großer Entfernung.

Das erste Mal 1935, in einem Kinderbuch. Zwei Jahre zuvor war sein Name auf dem Berliner Opernplatz aufgerufen worden, als die Deutsche Studentenschaft Bücher verbrannte; Kästner stand unter den Zuschauern. »Emil und die Detektive« blieb zunächst als einziges seiner Bücher zugelassen. Der zweite Emil-Roman erschien im Oktober 1935 im Atrium Verlag in Basel, für einen Leserkreis, der außerhalb des Landes lag.

Bitterkeit findet man darin nicht. Es ist ein Ferienbuch. Der Badeort heißt Korlsbüttel und liegt irgendwo zwischen Travemünde und Zinnowitz, zum Strand geht man drei Minuten durch einen Erlenbruch, und eine hölzerne Brücke führt so weit hinaus, dass sie fast den Horizont zu erreichen scheint. Kästner ist gern mit der Bahn gefahren, und er hat das damit begründet, dass man sechzig Kilometer in der Stunde zurücklegt, ohne einen Schritt zu tun. Im Buch erzählt er, wie umständlich die Anreise ein gutes Jahrzehnt zuvor gewesen war: Ausstieg an einem kleinen Bahnhof an der Strecke Lübeck–Stralsund, dann hinter einem schweren mecklenburgischen Gaul über sandige Waldwege, vorbei an Wacholder, Kohlenmeilern und gelegentlich einem Rudel Rehe.

Das Meer in diesem Buch hat ein Mann beschrieben, der es ein einziges Mal gesehen hatte, mit fünfzehn. Es liegt spiegelglatt bis zum Horizont, ein Schiff fährt in den Abend hinein, über allem eine schmale Mondsichel, und in der Ferne kommen die Leuchtfeuer auf.

Das Quartier im Buch heißt »Villa Seeseite«, ein altmodisches Haus mit gläserner Veranda, Schiebefenstern und offenem Balkon. Im Ort gilt die heutige »Villa Martha« in der Strandstraße 16 als dieses Haus, damals »Pension Meeresblick«. Eine Äußerung Kästners dazu ist nicht bekannt.

Dresden, 1957

Das zweite Mal schrieb er diesen Sommer 1957 auf, in »Als ich ein kleiner Junge war«, dreiundvierzig Jahre nach den Ferien. Kästner war achtundfünfzig, und die Stadt, von der das Buch handelt, existierte nicht mehr: Dresden war im Februar 1945 zerstört worden. Was er über Müritz schreibt, steht also am Ende eines Buches über eine untergegangene Kindheit, und der Bruch, an dem es endet, ist derselbe 1. August.

Die Küste hat ihn nicht losgelassen. Zum Sommersemester 1921 schrieb er sich für ein Semester an der Universität Rostock ein, bevor er in Leipzig weiterstudierte.

Von dem, was der Fünfzehnjährige gesehen hat, ist wenig geblieben. Graal und Müritz hatten damals hölzerne Seebrücken; die letzten zerstörte 1940/41 schwerer Eisgang, danach wurden sie abgerissen. Erst im Oktober 1992 begann der Neubau, im März 1993 wurde er eingeweiht. Küstendampfer, die abends von Mondscheinfahrten zurückkehren, gibt es hier keine mehr. Das Haus in der Strandstraße steht noch, und ob es das richtige ist, weiß niemand sicher.

Geblieben sind der Strand und zwei Bücher. Kästner hat selbst erklärt, warum ihm das reichte: »Alt ist, was man vergessen hat. Und das Unvergessliche war gestern.«

Quellen und Hinweise

Grundlage der Darstellung sind Erich Kästner, »Als ich ein kleiner Junge war« (1957), und »Emil und die drei Zwillinge« (Atrium, Basel 1935). Die Passagen zu Kästners Aufenthalt, zur Seebrücke und zu Korlsbüttel folgen den Schilderungen in diesen Büchern und geben sie überwiegend in eigener Sprache wieder.

»Mole« und »Molenkopf« sind Kästners Wörter. In Müritz gab es keine Mole, sondern hölzerne Seebrücken, an denen die Dampfer anlegten.

Dass die heutige »Villa Martha«, Strandstraße 16, das Quartier der Kästners war, ist örtliche Überlieferung ohne zeitgenössischen Beleg; genannt wird das Haus auch als »Haus Meerblick« beim Fischer Hoff. Dass Korlsbüttel für Müritz steht, ist von Kästner nicht bestätigt; die Forschung nennt kein reales Vorbild.

Die Geschichte der Seebrücken folgt den örtlichen Darstellungen: In Graal und Müritz-West entstanden sie 1905, in Müritz-Ost 1910. Die Silvester-Sturmflut 1913/14 zerstörte die Anlagen, danach wurden sie wiederhergestellt; welche Brücke im Juli 1914 stand, ist nicht überliefert. Nach dem schweren Eisgang von 1940/41 wurden sie abgerissen.

Kästners Immatrikulation an der Universität Rostock zum Sommersemester 1921 ist nach regionalen Quellen überliefert.

Zitat am Schluss: Erich Kästner, »Als ich ein kleiner Junge war«, erstes Kapitel.

in Graal · 1930er, ab 1990

Walter Kempowski

1929–2007

Walter Kempowski, um 1975 · Foto: MoSchle · CC BY-SA 3.0 · Ausschnitt

Anfang der neunziger Jahre spielte Walter Kempowski mit dem Gedanken, sich an der mecklenburgischen Küste ein Grundstück zu kaufen. In seinem Tagebuch »Hamit« notierte er 1990, Graal wäre der rechte Ort – dort hatten sich seine Eltern 1913 kennengelernt, und wenn man schon an der Ostsee wohne, wolle man auch nicht weit zum Wasser laufen. Sein Bruder Robert sah darin einen Ring, der sich schließe.

Dazu kam es nicht. Aber es hätte gepasst: 1990 war Kempowski nach mehr als vierzig Jahren zum ersten Mal wieder in Rostock und Umgebung – vierzig Jahre, in denen zwischen Bautzen und Nartum ein ganzes Leben lag.

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Die Rückkehr 1990

»Das Wiedersehen mit der Heimat war überwältigend. Es weckte Erinnerungen, riss jedoch auch alte Wunden auf«, schreibt die Kempowski-Stiftung Haus Kreienhoop auf ihrer Internetseite (www.kempowski-stiftung.de). Die Rostocker Familie hatte nach dem Krieg alles verloren: die Firma, die Wohnung, das Mobiliar, die Heimat, dazu Fotos, Briefe und Bücher.

1956 kam er nach acht Jahren Haft frei und ging in den Westen: erst Hamburg, dann Göttingen, wo er mit achtundzwanzig das Abitur nachholte und Pädagogik studierte, ab 1960 Volksschullehrer in Breddorf, ab 1965 in Nartum bei Bremen. Aus dieser Dorfschulexistenz heraus entstand alles Weitere – das Werk, das Archiv, der Schriftsteller.

Seine Heimat Rostock, die Landschaft dort und die mecklenburgische Ostseeküste hat er nie vergessen. Am Neujahrstag 1990 hielt er in seinem Tagebuch fest, dass ihn diese Stadt in all den Jahren der Trennung nie losgelassen habe: beschrieben habe er sie, vor und zurück, Fotos gesammelt, sie sogar aus Papier nachgebaut. Von Sehnsucht zu sprechen, fand er untertrieben. Am nächsten Tag holte er seinen Bruder Robert ab, und die beiden fuhren zum ersten Mal seit über vierzig Jahren in die Heimat.

Der Weg führte sie am 5. Januar 1990 über Rostock nach Rövershagen – ein Name, an dem Kempowski sich freute. Von dort waren früher die elend langen Sonntagswanderungen nach Graal losgegangen: die Eltern voran auf der schnurgeraden Schneise, die Kinder hinterher, Tee mit Zitrone in der Feldflasche, der Vater mit Kartentasche und Fernglas aus dem Ersten Weltkrieg.

Im Mai desselben Jahres saß Kempowski ein paar Stunden am Strand von Graal. Das Wetter war wunderbar, keine Menschenseele zu sehen, und von den großen Tagen seiner Eltern war keine Spur mehr zu finden. Er nahm eine von der See rundgeschliffene Glasscherbe mit. Am Ostersonntag im April 1993 las er im »Haus Grahl« aus seinen Werken.

Von 1990 an kam Kempowski regelmäßig nach Rostock und mehrfach nach Graal‑Müritz; zu diesen Besuchen gehörten Fahrten mit dem Pferdewagen durch die Rostocker Heide. Fast zwanzig Jahre blieben ihm dafür.

1994 machte ihn die Hansestadt Rostock zum Ehrenbürger, 2002 verlieh ihm die Universität die Ehrendoktorwürde, 2003 eine Honorarprofessur für Neuere Literatur- und Kulturgeschichte. Sein Archiv liegt heute im Kempowski-Archiv Rostock, Klosterhof Haus 3.

Graal in den Romanen

Wie es sich anfühlt, in Graal anzukommen, hat er in »Aus großer Zeit« beschrieben: Nach einer Woche ist man dort zu Hause. Der Ort liegt im Wald, zum Strand geht man eine Viertelstunde über schmale, federnde Wege, glatt von alten Tannennadeln, und über einem schwanken die Kiefern wie Mastbäume gegen einen Himmel, über den die Wolken jagen.

An Graal hingen für Kempowski zwei Sorten Erinnerung: die eigenen Ausflüge von Rostock aus, und eine, die älter war als er. Im Sommer 1913 lernten sich seine Eltern auf der Seebrücke kennen – die Mutter, Margarethe Collasius, war 17, der Vater, Karl Kempowski, gerade 15. Im Tagebucheintrag von 1990 gibt Kempowski das Alter des Vaters abweichend mit »siebzehn« an.

In seinem Tagebuch von 1983, veröffentlicht als »Sirius«, beschreibt Kempowski Familienfotos, die in jenem Vorkriegsjahr 1913 in Graal am Strand entstanden sind: lauter sorglose, gut genährte Menschen in der Sonne, siebzig Jahre zuvor aufgenommen – und nirgends ein Anzeichen dafür, was ein Jahr später kommen würde.

Die Geschichte seiner Familie hat Kempowski in seinen Romanen festgehalten, das Kennenlernen der Eltern auf der Graaler Seebrücke eingeschlossen. Der Zyklus heißt »Deutsche Chronik« und erzählt eine Familie und nebenbei ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte, mit einem Blick fürs Beiläufige und einem Humor, der sich nicht aufdrängt.

Wer wissen möchte, wie man in Rostock um 1915 oder 1925 oder 1935 gelebt, gedacht und gesprochen hat, erfährt das in Kempowskis Romanen »Aus großer Zeit« (1978), »Schöne Aussicht« (1981) und »Tadellöser & Wolff« (1971).

Wie die Eltern sich fanden

Wie die Ehe seiner Eltern zustande kam, erzählt »Aus großer Zeit«. Die Kempowskis reisen 1913 an die Ostsee, nach Graal, das zwischen Rostock und Stralsund liegt und im Prospekt mit steinfreiem Strand und vorzüglichem Wellenschlag beworben wird: ein kleiner Badeort mit wenigen Hotels und Pensionen, fünf Mark am Tag, alles inklusive. In der Pension »Waldperle« wird an einer großen gemeinsamen Tafel in der Glasveranda gegessen. Als die Kempowskis dort zum ersten Mal erscheinen, mit Dienstmädchen und Rollstuhlschieber, wird getuschelt: Wer ist der Herr, der nicht richtig gehen kann und gestützt werden muss? Mutter und Tochter machen Eindruck. Karl, den fünfzehnjährigen Sohn, beachtet zunächst kaum jemand.

Karl macht sich dennoch bemerkbar. Er hat vollendete Tischmanieren, ist höflich zu den älteren Damen, spielt fabelhaft Klavier, führt den Spazierstock wie ein Artist, trägt einen karierten Anzug und Gamaschen über den Schuhen. Abends steht er auf der Seebrücke und lässt die Spaziergängerinnen an sich vorbeidefilieren, wovon er einem Freund reichlich angeberisch berichtet. Im August 1913 erscheint dort eine zierliche Blondine mit Mittelscheitel: Grethe de Bonsac aus Hamburg, Tochter eines Kaufmanns mit Geschäft in den Großen Bleichen. In Wirklichkeit hieß die Familie Collasius; im Roman wohnt sie in der »Villa Ida« für vier Mark Vollpension und findet die Entscheidung für Graal genauso gelungen wie die Kempowskis – das Essen großartig, Lachs in Gelee, Zunge in Burgunder, und sogar der Kaffee gut.

Gebadet wird erst am dritten Tag, und dann nur zwei oder drei Wellen weit, in einer Kette, weil auf dem Grund angeblich tiefe Löcher lauern, in die man nur hineintreten muss, um verloren zu sein. Danach sitzt die Familie in voller Montur am Strand, die Mutter breit und schwer auf dem Klappstuhl, die erwachsenen Töchter weiß von Kopf bis Fuß im Strandkorb, die Hände im Schoß. Draußen stampft der Raddampfer »Fürst Blücher« durch die Wellen, die Ausflügler an Bord winken herüber, und man hätte, denkt die Familie, doch das Fernglas mitnehmen sollen.

Auf der Landungsbrücke steht eine Holzbude, in der es Ansichtskarten von genau dieser Holzbude zu kaufen gibt. Dort lernt Grethe am 15. August 1913 Karl Kempowski kennen. Er kommt aus Rostock, trägt eine Uhrkette auf dem Bauch und hat seinen Hund Stribold dabei. Sein breites Mecklenburgisch findet sie zum Lachen, er findet es schön, wie sie über einen spitzen Stein stolpert – und dann wird schon erörtert, ob man sich am Sonnabend auf der Réunion sieht.

Und obwohl Grethe in diesem Graaler Urlaub viel über Karl lacht, obwohl sie ihn nachmacht, obwohl die Liaison für sie nur ein Spiel und ein Zeitvertreib ist, und obwohl sie während des Ersten Weltkriegs unsterblich in einen anderen Mann verliebt ist, verloben sich die beiden 1917 und heiraten bald nach dem Krieg.

In seinem Tagebuch von 1983, das sieben Jahre später als »Sirius« erschien, hielt Kempowski fest, was ihn an »Schöne Aussicht« mehr interessierte als die historische Szenerie und der Aufstieg des Nationalsozialismus: dass zwei Eheleute, die einander eigentlich nicht wollten, gemeinsam etwas Tragfähiges zustande brachten. Von einer Vernunftehe könne bei seinen Eltern keine Rede sein, eher von einer Verlegenheitsehe. Unvergessen blieben ihm die ständigen Streitereien bei Tisch, die meist von der Mutter ausgingen, weil der Vater nie mit ihr irgendwohin ging. Er schwieg dann.

Die erste Zeit der Ehe seiner Eltern und seine Kindheit in Rostock beschreibt Kempowski in dem Roman »Schöne Aussicht«, der direkt an »Aus großer Zeit« anschließt. Wieder ein Rostocker Familienleben, diesmal in den zwanziger und dreißiger Jahren, und wieder bis in die Beiläufigkeiten hinein genau.

Ausflüge nach Graal, und zwar zu Fuß, waren auch in Kempowskis Kindheit an der Tagesordnung. Nur mit der Familie oder auch in größerer Gesellschaft. Eine solche Unternehmung schildert »Schöne Aussicht«: Der Jägerkreis bricht an einem Sonntag um sechs Uhr morgens auf, um das Sommerwetter auszunutzen. Es lockt die Rostocker Heide, rund 6 000 Hektar zwischen Warnow und Ostsee, gut 5 000 davon Wald, und nach einer kilometerlangen Schneise, immer geradeaus, kommt die Gruppe in der Hitze am Strand von Graal an. Das Rauschen hat sich vorher angekündigt; von einer Düne aus wird die See in Augenschein genommen, den Damen flattern die Haare, den Herren die Schlipse. Man kehrt in der »Strandperle« unter der Blutbuche ein, bestellt Schollen, die in dieser Jahreszeit besonders gut sind, und ein kühles Bier für 15 Pfennig. Danach gehen die Eheleute Kempowski hinaus auf die lange Brücke zu jener Ansichtskartenbude, setzen sich Hand in Hand auf die Bank und sehen den Wellen zu, und hinten sogar einem Schiff.

Nach der Rückkehr zur Gruppe geht der Tratsch munter weiter, denn von der »Strandperle« aus lässt sich die ganze Promenade überblicken. Man echauffiert sich ein wenig über zu eng anliegende Badeanzüge, und dann kommt ein Paar vorbei, das Kempowski mit sichtlichem Vergnügen ausstellt: sie im Dirndl, mit Brillantschmuck und blutrot lackierten Nägeln, die Söckchen wie Papiermanschetten am Kotelett; er braungebrannt und kahl, im Tennishemd ohne Krawatte. Über einen solchen Auftritt auf der Graaler Promenade ließ sich lange reden.

Herkunft, Haft, Neuanfang

Walter Kempowski wurde am 29. April 1929 als Rostocker Reederssohn geboren. Er hatte zwei ältere Geschwister, Ursula und Robert. Nach dem Zweiten Weltkrieg – der Vater war gefallen – ging Walter Kempowski in den Westen und arbeitete als Verkäufer in einem PX-Store der US Army in Wiesbaden. Er berichtete dem amerikanischen Abschirmdienst CIC über den Abtransport von Gütern aus dem Rostocker Hafen durch die sowjetische Besatzungsmacht; die Frachtbriefe selbst hat nach den CIC-Akten allerdings nicht er übergeben, sondern sein Freund Hans Siegfried.

Ein Besuch bei der Mutter in Rostock beendete das. Am 8. März 1948 wurde Kempowski verhaftet; ein sowjetisches Militärtribunal verurteilte ihn im August zu 25 Jahren Arbeitslager wegen Spionage. Es traf die ganze Familie: Bruder Robert bekam ebenfalls 25 Jahre, die Mutter zehn Jahre Zwangsarbeit. Kempowski war bei Haftbeginn achtzehn und kam am 7. März 1956 mit sechsundzwanzig frei, nach acht Jahren, überwiegend im Zuchthaus Bautzen. Im Westen wurde ihm die Anerkennung als politischer Häftling dann verweigert – die Behörden werteten die Tat als Spionage. Seine Eingaben dagegen liefen bis 2002 und blieben ohne Erfolg.

Vielleicht gab das den Ausschlag dafür, dass Walter Kempowski nun unermüdlich mit seiner schriftstellerischen Arbeit begann. 1969 erschien sein Erstling »Im Block«, ein Bericht über seine Haftzeit. Der Literaturkritiker Volker Hage hat in »Walter Kempowski. Bücher und Begegnungen« (2009) beschrieben, was danach folgte: Der literarische Neuling, ein Opfer von Willkürjustiz, trug nach der Haft zunächst alles zusammen, was ihn an Kindheit und Jugend erinnerte – alte Fotos, Adressbücher, Zeitungen, Spielzeug. Später setzte er seine Mutter, seinen Bruder und andere Verwandte vor ein Tonbandgerät und befragte sie. Daraus wurde erst der Roman »Tadellöser & Wolff« und später jene Chronik des deutschen Bürgertums, mit der er berühmt geworden ist.

Jene »Deutsche Chronik« besteht aus sechs Romanen, die rund 2 500 Seiten und die Zeitspanne von 1885 bis 1960 umfassen. Am bekanntesten wurde »Tadellöser & Wolff«, weil Eberhard Fechner den Roman 1975 für das ZDF verfilmte. Edda Seippel und Karl Lieffen spielten die Eltern so, dass Kempowski später sagte: »Ich sehe statt meiner Eltern immer Karl Lieffen und Edda Seippel.«

1960 heiratete er Hildegard Janssen. Die Kinder kamen 1961 und 1962 zur Welt: Karl-Friedrich und Renate. Rund zwanzig Jahre lang blieb Kempowski im Schuldienst des Kreises Rotenburg an der Wümme, zuletzt bis 1979 in Zeven.

Walter Kempowski starb am 5. Oktober 2007 in Rotenburg an der Wümme.

Die Romane der »Deutschen Chronik«:

  • Aus großer Zeit (1978) – Leben der Großeltern und Eltern bis 1918
  • Schöne Aussicht (1981) – 20er Jahre bis zum Beginn der Naziherrschaft
  • Tadellöser & Wolff (1971) – Kempowskis Jugend in Rostock bis zum Kriegsende
  • Uns geht’s ja noch gold (1972) – Rostock in den unmittelbaren Nachkriegsjahren bis zur Verhaftung des 18-jährigen Walter 1948
  • Ein Kapitel für sich (1975) – Acht Jahre Haft in Bautzen und die Ankunft in der Bundesrepublik
  • Herzlich willkommen (1984) – Die ersten Jahre in der Bundesrepublik

Das Echolot

Neben der eigenen Familiengeschichte interessierte Walter Kempowski sich auch immer für die kollektive Erfahrung der Deutschen. Schon 1972 hatte er die fixe Idee, ihnen nur eine einzige Frage zu stellen: Haben Sie Hitler gesehen? Das Buch, »ein grandioses Dokument der Zeitgeschichte« (Hage), erschien 1973. Es folgte 1979 die Veröffentlichung der Antworten auf die zweite Frage »Haben Sie davon gewußt?«, auch diese Sammlung »ein Ereignis« (Hage).

Außerdem begann Kempowski in den 80er-Jahren, biographische Materialien zu sammeln, oft per Zeitungsannonce: Tagebücher, Briefe, Autobiographien, Notizen und Fotografien. So entstand ein Archiv, dessen Substanz, wie er in einem Interview sagte, kein zeitgenössischer Roman erreiche – und genau das habe ihn daran fasziniert. Echolot nannte er das Mammutprojekt, in dem er das Material sichtete, sortierte, zu Collagen fügte und veröffentlichte – ein Parallelunternehmen, der zweite Rumpf eines Katamarans; die archivarische Arbeit stand damit gleichrangig neben der literarischen. Frank Schirrmacher schrieb in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 13. November 1993: »Wenn die Welt noch Augen hat zu sehen, wird sie, um es in einem Wort zu sagen, in diesem Werk eine der größten Leistungen der Literatur unseres Jahrhunderts erblicken.« Volker Hage hatte das Werk schon ein Jahr vor Erscheinen, im Spiegel-Schlussheft 53/1992 zum Vorabdruck, »eines der letzten großen Wagnisse dieses Jahrhunderts« genannt.

Das Echolot-Projekt:

  • Das Echolot. Ein kollektives Tagebuch. Januar und Februar 1943 (1993, vier Bände)
  • Das Echolot. Fuga furiosa. Ein kollektives Tagebuch. Winter 1945 (1999, vier Bände)
  • Das Echolot. Barbarossa ’41 (2002)
  • Das Echolot. Abgesang ’45 (2005)

Aus dem Umfeld des Echolots:

  • Der rote Hahn. Dresden im Februar 1945 (2001)

Weitere Romane:

  • Hundstage (1988)
  • Heile Welt (1998)
  • Letzte Grüße (2003)
  • Alles umsonst (2006)

Tagebücher:

  • Sirius. Eine Art Tagebuch (1990)
  • Alkor. Tagebuch 1989 (2001)
  • Hamit. Tagebuch 1990 (2006)
  • Somnia. Tagebuch 1991 (2008)
Auf den Spuren der Dichter

Wo die Literaten in Graal‑Müritz waren

Franz Kafka
Ortsteil Müritz
1923
Erich Kästner
Ortsteil Müritz
1914
Hans Fallada
Ortsteil Graal
1906–1909
Walter Kempowski
Ortsteil Graal
1930er und 1990
Kurt Tucholsky
Ortsteil Graal
1920
Rudolf Presber
Ortsteil Graal
1922–1929
Johannes Trojan
Graal und Müritz
1884 und 1888

Den Spuren im Ort kann man auch zu Fuß folgen: Der Dichter- und Denkerpfad führt seit 2016 mit Aufstellern und Audioguide zu den Häusern, die mit Schriftstellern verbunden sind. Neben Kafka, Fallada, Kästner und Kempowski stehen dort Kurt Tucholsky, Rudolf Presber sowie Johannes Trojan und Heinrich Seidel. Mehr zur Ortsgeschichte zeigt das Heimatmuseum. Zweimal im Jahr bekommt die Literatur ein eigenes Programm: bei der Literaturwoche und beim Literaturfestival.

Interaktive Karte mit MapLibre GL. OpenFreeMap © OpenMapTiles © OpenStreetMap-Mitwirkende.

Gut zu wissen

Häufige Fragen

01Wann war Franz Kafka in Graal‑Müritz?

Genau einen Monat, vom 6. Juli bis zum 6. August 1923, im damaligen Ostseebad Müritz. Er wohnte mit seiner Schwester Elli und deren Kindern in der »Pension Glückauf«, acht Gehminuten vom Strand. Es war seine letzte Reise ans Meer.

02Wo hat Kafka Dora Diamant kennengelernt?

Im Ferienheim des Jüdischen Volksheims Berlin, keine fünfzig Schritte von seinem Balkon entfernt. Ein Mädchen aus der Ferienkolonie hatte ihn erkannt und ihn zum Freitagabend vor dem Sabbat eingeladen – dem 13. Juli 1923. Dora arbeitete dort in der Küche. Sie blieb bis zu seinem Tod im Juni 1924 bei ihm.

03Welche Schriftsteller waren in Graal‑Müritz?

Belegt sind elf: Johannes Trojan (ab 1884), Hans Vollrath Kirsch (ab 1904), Robert Musil (1906), Hans Fallada (ab 1906), Erich Kästner (1914), Kurt Tucholsky (1920), Rudolf Presber (1922–1929), Franz Kafka (1923), Ida Heincke (gestorben 1936 in Graal), Herbert Nachbar (1963–1969) und Walter Kempowski, dessen Eltern sich 1913 auf der Graaler Seebrücke kennenlernten.

04Ist »Korlsbüttel« aus »Emil und die drei Zwillinge« Graal‑Müritz?

Das ist eine örtliche Zuschreibung, kein gesichertes Wissen. Kästner selbst hat sich nie dazu geäußert, und die Forschung nennt kein reales Vorbild. Im Buch liegt der Badeort »irgendwo zwischen Travemünde und Zinnowitz«. Die Beschreibungen – der Weg durch den Erlenbruch auf die Dünen, die hölzerne Brücke für die Küstendampfer – passen zu Müritz, wo Kästner 1914 tatsächlich war.

05Kann man die Orte der Schriftsteller besichtigen?

Ja, zu Fuß. Der Dichter- und Denkerpfad führt seit 2016 mit Aufstellern und Audioguide zu den Häusern, die mit Schriftstellern verbunden sind. Das Heimatmuseum zeigt die Ortsgeschichte, und im ehemaligen Sommerhaus »Ithaka« von Rudolf Presber sitzt heute die Bäderbibliothek.

06Wann finden die Literaturveranstaltungen statt?

Die beiden großen sind die Literaturwoche und das Literaturfestival. Dazwischen geht es ganzjährig weiter – mit Lesungen, Kino und der Lyrikbuche, dem Treff jeden Mittwoch im Rhododendronpark. Die Termine stehen im Veranstaltungskalender.

Ostseeheilbad Graal‑Müritz

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»Scheint mir das schönste Ostseefleckchen – hier will ich bleiben.«

Alfred Kerr (1867–1948)

Alfred Kerr, 1867 in Breslau geboren, war der berühmteste Theaterkritiker seiner Zeit. Von Berlin aus, wo er seit den 1890er Jahren schrieb und ab 1919 für das »Berliner Tageblatt« arbeitete, bestimmte er über Jahrzehnte, was auf den deutschen Bühnen galt. Seine Urteile waren gefürchtet, sein Stil unverwechselbar: knapp, geistreich, oft spöttisch. Als Gegner des Nationalsozialismus musste er 1933 Deutschland verlassen und lebte im Exil, zuletzt in London. Seine Tochter Judith Kerr wurde später mit Kinderbüchern wie »Als Hitler das rosa Kaninchen stahl« weltbekannt.

Nach Graal‑Müritz kam Kerr im Juni 1915, auf einer Radtour entlang der Küste. Der Ort, damals noch klein und weit verstreut zwischen Wald und Wasser, gefiel ihm auf Anhieb. In sein Notizbuch schrieb er, Graal liege »waldbegraben, an einer reinlich-frischen Brandung« und sage ihm »sofort zu« – für ihn »das schönste Ostseefleckchen«.

Mit diesem Urteil steht Kerr in einer Reihe von Schriftstellern, die das Seebad schätzten – unter ihnen Erich Kästner, Hans Fallada, Robert Musil und Franz Kafka, der hier 1923 seine letzte Lebensliebe Dora Diamant kennenlernte.


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