„Und so etwas auf der Promenade in Graal!“

Das Ostseebad Graal und die Familie Kempowski

„Nach einer Woche ist man hier schon ganz zu Hause. Graal liegt im Wald. Wenn man an den Strand will, muß man erst einen Spaziergang von einer Viertelstunde machen, auf schmalen, federnden Waldwegen, die glatt sind von alten Tannennadeln. Kiefern schwanken wie Mastbäume gegen den Himmel, auf dem die Wolken dahinjagen.“

(Walter Kempowski, Aus großer Zeit)

Am Ostseebad Graal-Müritz hing für Walter Kempowski eine lange Reihe von Erinnerungen. Neben den Ausflügen dorthin, die in der Kinder- und Jugendzeit von Rostock aus unternommen wurden, gibt es eine sehr spezielle familiäre Bindung an Graal: Im Sommer 1913 lernten sich Kempowskis Eltern auf der Seebrücke kennen. Seine Mutter, Margarethe Collasius, war damals 17 Jahre alt. Sein Vater, Karl Kempowski, gerade einmal 15.

In seinem Tagebuch von 1983 (Sirius) beschreibt Kempowski Familienfotos, die in jenem Vorkriegsjahr 1913 in Graal am Strand gemacht wurden: „Aus all diesen Fotos spricht gutgenährte Sorglosigkeit, viel Sonne scheint, 1913: siebzig Jahre ist das jetzt her. Wir können keine Spuren von Vorahnung entdecken in diesen heiteren Friedensmanifesten.“

Die Geschichte seiner Familie, und natürlich auch das Kennenlernen seiner Eltern auf der Graaler Seebrücke, hat Walter Kempowski in seinen Romanen festgehalten. Außergewöhnlich ist dieses Werk, das die „deutsche Chronik“, genannt wird, weil es sowohl liebevoll familiär als auch zeitgeschichtlich hochinteressant ist. Der Blick ist da für Details und kleine Besonderheiten, getragen von einem Humor, der sich nicht aufdrängt. Eine ideale Symbiose aus Roman und Chronik.

Wer wissen möchte, wie man in Rostock um 1915 oder 1925 oder 1935 gelebt, gedacht und gesprochen hat, erfährt das in Kempowskis Romanen „Aus großer Zeit“ ( 1978), „Schöne Aussicht“ (1981) und „Tadellöser & Wolff“ (1971).

Über die Anbahnung der Ehe seiner Eltern auf der Graaler Seebrücke erfahren wir Genaueres im Roman „Aus großer Zeit“:

„1913 reisen die Kempowskis an die Ostsee, und zwar nach Graal. [...] Graal liegt zwischen Rostock und Stralsund an der Ostseeküste – ,mit steinfreiem Strand und vorzüglichen Wellenschlag' so steht im Prospekt zu lesen –, es ist ein kleiner Badeort mit wenigen Hotels und Pensionen. Fünf Mark pro Tag, alles inclusive. [...] Pension ,Waldperle': Gegessen wird an einer großen gemeinsamen Tafel, in der Glasveranda: Table d'hôte. [...] Als die Kempowskis zum ersten Mal erscheinen, mit Dienstmädchen und Rollstuhlschieber, wird getuschelt: Wer ist denn dieser Herr? ... kann nicht richtig gehen? ... wirft die Beine so merkwürdig? ... wird von links und rechts gestützt? Die beiden Weiblichkeiten allerdings, Mutter und Tochter, die Frau noch durchaus imponabel und die Tochter irgendwie schnuckelig, [...]. Von Karl, dem blassen Jüngling, nimmt man zunächst weniger Notiz.“

Karl, der blasse Jüngling, der später Walter Kempowskis Vater sein wird, zeichnet sich allerdings durch vollendete Tischmanieren aus, ist höflich zu den älteren Damen, gut erzogen und „spielt so fabelhaft Klavier“. Außerdem ist er „ein Artist im Schwingen des Spazierstocks“, trägt einen karierten Anzug und „über den Schuhen Dackelgamaschen“ – und das, obwohl er gerade erst fünfzehn ist. Abends steht er auf der Seebrücke und „läßt die Weiblichkeit an sich vorüberdefilieren“ schreibt er angeberhaft einem Freund. Und dann, eines Tages im August 1913 ist es soweit: „Eine zierliche Blondine mit Mittelscheitel erscheint eines Abends auf der Brücke, Grethe de Bonsac aus Hamburg, Vater: Import und Export en gros [...].“

Die Hamburger Familie de Bonsac, die in Wirklichkeit Collasius hieß, wohnt in Kempowskis Roman „Aus großer Zeit“ in diesem Sommer 1913 in der „Villa Ida“. Und auch aus der Perspektive von Grethes Familie ist die Entscheidung für Graal ein Glücksgriff. Sie fühlt sich dort genau so wohl wie die Kempowskis: „Das hat man gut gemacht, hierher zu gehen, nach Graal, und in die Villa IDA, für vier Marl Vollpension? Für vier Mark, allerdings sehr schönes, gutes Geld? Das Essen ist großartig – Lachs in Gelee mit Mayonnaise und Zunge in Burgunder -, und sogar der Kaffee ist gut.“

Und gebadet wird auch im August 1913, allerdings nicht sofort: „Mit dem Baden wird erst am dritten Tag begonnen, und da darf man auch erst zwei, drei Wellen nehmen, und eine ‚Kette' muß man bilden, denn irgendwelche tiefen Löcher lauern auf dem Grund, so heißt es, wer da hineintritt, ist verloren. [...] Nach dem Baden sitzt die ganze Familie gestiefelt und gespornt am Strand. [...] Martha sitzt auf einem Klappstuhl, breit und schwer, und Hertha, Grethe und Lotti, die nun schon so großen Töchter, sitzen im Strandkorb, weiß von Kopf bis Fuß, sie haben die Hände im Schoß. [...] Die See kommt mit breiten Schaumstreifen schräg angelaufen und spritzt an den Pfeilern der Brücke entlang. Da hinten stampft ein weißer Raddampfer durch die Wellen, ein weißer Dampfer mit Ausflüglern, die herübergucken und winken. (Man hätte doch das Fernglas mitnehmen sollen.) Wie schön dieser Dampfer aussieht – ,Fürst Blücher' heißt er – und wie schön es von dort aus hier wohl aussieht.“

„Holzbude mit Bank steht auf der Landungsbrücke, in der es Ansichtskarten gibt, die man kaufen kann und sich zeigen kann, Ansichtskarten von der Holzbude, in der es eben diese Ansichtskarten gibt. Und an dieser Holzbude lernt Grethe de Bonsac einen gewissen Karl-Georg Kempowski kennen, am 15. August des Jahres 1913. Aus Rostock kommt er, und eine Uhrkette hat er auf dem Bauch. ‚Komm, Stribold', sagt Karl Kempowski zu seinem Hund, ‚auf diese Bank von Holz woll'n wir uns setzen.' Und diese Worte sind es, mit denen die Poussage anfängt, denn Grethe findet es nun rasend komisch, wie der das so breit ausspricht: ‚ ... woll' wi us sätz'n ...', wahnsinnig mecklenburgisch! Und er findet es schön, daß sie so übern spitzen Stein stolpert. ‚Kommt die Dame vielleicht aus Hamburg?' fragt er; und dann wird schon erörtert, daß Sonnabend Réunion ist ... und ob man sich da vielleicht sieht?“

Und obwohl Grethe in diesem Graaler Urlaub viel über Karl lacht, obwohl sie ihn nachmacht, obwohl die Liaison für sie nur „ein Spiel, ein Zeitvertreib“ ist, und obwohl sie während des Ersten Weltkriegs unsterblich in einen anderen Mann verliebt ist, verloben sich die beiden 1917 und heiraten bald nach dem Krieg.
Kempowski schreibt 1983 in sein Tagebuch, das sieben Jahre später unter dem Titel „Sirius“ veröffentlicht wird: „Mehr noch als die historische Szenerie, den Eintritt des Nationalsozialismus in die Geschichte Europas, hat mich an ‚Schöne Aussicht' interessiert, daß Eheleute, die sich eigentlich nicht wollten, trotzdem etwas Ersprießliches zustande bringen. Von ‚Vernunftehe' kann bei meinen Eltern keine Rede sein, da muß man eher von ‚Verlegenheitsehe' sprechen. Unvergessen sind die ständigen Streitereien bei Tisch, meistens gingen sie von meiner Mutter aus, daß er nie mit ihr irgendwohin geht. Er schwieg dann.“

Die erste Zeit der Ehe seiner Eltern und seine Kindheit in Rostock beschreibt Kempowski in dem Roman „Schöne Aussicht“, der direkt an „Aus großer Zeit“ anschließt. Auch dieser Roman zeichnet ein detailgetreues, persönliches und historisches Panorama eines Rostocker Familienlebens. Diesmal der zwanziger und dreißiger Jahre.

Ausflüge nach Graal, und zwar zu Fuß, waren auch in Kempowskis Kindheit an der Tagesordnung. Nur mit der Familie oder auch in größerer Gesellschaft. Eine solche Unternehmung schildert Kempowski in „Schöne Aussicht“: „Um das Sommerwetter auszunutzen, bricht der Jägerkreis eines Sonntags auf zu einer Wanderung, und zwar morgens um sechs. Die Rostocker Heide lockt, dieser herrliche Wald, der sich jenseits der Warnow bis an die Ostsee hinzieht, fast 6000 Hektar!“ Und nach einer „kilometerlangen Schneise“, „immer geradeaus“ kommt die Gruppe dann in der Hitze endlich am Strand von Graal-Müritz an:

„Schließlich erreichen sie ‚das Meer', wie dumme Leute sagen. ‚Die See' also, wie es richtig heißt. Man erreicht sie bei Graal, das am Ende der langen Schneise liegt. Durch das Rauschen hat sich ‚das Meer' schon vorbereitend angekündigt. Von einer Düne aus wird es dann in Augenschein genommen, den Damen flattern die Haare, den Herren die Schlipse [...]. Die Gesellschaft läßt sich in der ‚Strandperle' nieder, vor der eine Blutbuche steht, und bestellt Schollen, die in dieser Jahreszeit so ganz besonders gut sind, und vor allem: ein kühles Bier. ‚Zum freundlichen Wohlsein!' Ein kühles Bier für 15 Pfennig. ‚Ahh!' [...] Die beiden Eheleute Kempowski gehen nach dem Essen auf die lange Brücke hinaus, an deren Ende eine Bude steht, in der es Ansichtskarten zu kaufen gibt, auf der eben diese Bude zu sehen ist. ‚Auf diese Bank von Holz woll'n wir uns setzen!' sagt Karl, und das tun sie auch, die Hände ineinander verschlungen. ‚Das Meer' denken sie, obwohl man ja eigentlich ‚die See' sagt, die Wellen, und da hinten jetzt sogar ein Schiff. Und daß man das Eheschiff nun aus den größten Maleschen rausmanövriert hat, Gott, was war das aber auch alles!“

Und nachdem die beiden „neu-verliebten“ Kempowskis wieder zur Gruppe zurückgekommen sind, kann der Tratsch und Klatsch nun munter weitergehen, denn: „Gut sitzt man in der Strandperle, die ganze Promenade lässt sich überblicken.“ Und nachdem man sich ein wenig über zu eng anliegende Badeanzüge echauffiert hat, bietet sich noch ein besonderer Leckerbissen:

„Jetzt schreitet eine dicke Frau im Dirndlkleid daher. Brillantschmuck hat sie angelegt, die Fingernägel wie in Blut getaucht. Die Söckchen sehen aus wie Papiermanschetten am Hammelkotelett. Ihr Mann, mit kaffeebrauner Glatze und Sandalenbeinen, trottet neben ihr her: Der trägt ein Tennishemd ohne Krawatte. Sie ein Dirndlkleid und er ein Tennishemd. Und so etwas auf der Promenade in Graal!“

Lesen Sie mehr:

  1. Kempowski in Graal
  2. Das Ostseebad Graal und die Familie Kempowski
  3. Walter Kempowski – Biographie und Werk

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