Kempowski in Graal

„Ein kleiner Morgenspaziergang. Intensive Überlegungen, ob man hier ein Grundstück erwerben sollte und sich ansiedeln? [...] Oder vielleicht doch näher an die Küste heran? In Graal? Wenn man schon an der Ostsee wohnt, will man schließlich nicht so weit laufen. Und ein Blick aufs Meer wäre auch nicht zu verachten.

Graal wäre das rechte. In Graal haben sich die Eltern kennengelernt 1913, was Robert zu dem Ausspruch verleitete: ‚Der Ring schließt sich, Walter, der Ring schließt sich.‘ Der Vater war damals siebzehn, und wir sind jetzt über sechzig.“

(Walter Kempowski, Hamit. Tagebuch 1990)
So wäre der berühmte Schriftsteller Walter Kempowski Anfang der neunziger Jahre vielleicht doch fast noch ein Graal-Müritzer geworden! Und der Bogen der Familiengeschichte hätte sich, wie sein Bruder Robert sagte, geschlossen.

1990 ist Walter Kempowski nach mehr als 40 Jahren in seine Heimat Rostock und Umgebung zurückgekommen. Nach 40 Jahren, in denen für den inzwischen 60-Jährigen unglaublich viel passiert war.

„Das Wiedersehen mit der Heimat war überwältigend. Es weckte Erinnerungen, riss jedoch auch alte Wunden wieder auf“, schreibt die Kempowski-Stiftung Haus Kreienhoop auf ihrer Internetseite (www.kempowski-stiftung.de). Die Rostocker Familie Walter Kempowskis hatte nach dem Krieg alles verloren: „die Firma, die Wohnung, das Mobiliar, die Heimat. Fotos, Briefe, Bücher – alles vernichtet.“

1956 war Kempowski nach achtjähriger Haft im sächsischen Zuchthaus Bautzen in den Westen gegangen und hat sich dort in Nartum, in der Nähe von Bremen, mit eiserner Disziplin, unermüdlichem Fleiß und einer außergewöhnlichen literarischen Begabung aus dem Nichts eine neue Existenz aufgebaut – als Lehrer, als Archivar und als Schriftsteller.

Seine Heimat Rostock, die Landschaft dort und die mecklenburgische Ostseeküste hat er nie vergessen. „Immer bin ich in Rostock gewesen, auch in den Jahren der Trennung. Ich habe diese Stadt vor und zurück beschrieben, Fotos gesammelt, ja, ich bin sogar so weit gegangen, sie in Papier nachzubauen! Sehnsucht ist gar kein Ausdruck!“, schreibt Kempowski am Neujahrstag 1990 in sein Tagebuch. Am nächsten Tag holt er seinen Bruder Robert ab und die beiden besuchen nach mehr als 40 Jahren ihre Heimat.

„Nach flüchtiger Durchmusterung der Stadt fuhren wir nach Rövershagen. – „Rövershagen“, was für ein schöner Name. Von hier aus begannen damals die elend langen Sonntagswanderungen nach Graal, die Eltern auf der Geradeaus-Schneise vorneweg und wir uns hinterdrein schleppend, Tee mit Zitrone in der Feldflasche, der Vater vorn mit Kartentasche und Fernglas aus dem I. Weltkrieg und die Mutter mit Wandertasche [...].“ (Tagebuch, 5. Januar 1990)

Und im Frühling desselben Jahres ist Kempowski wieder in Graal-Müritz: „Im Mai habe ich ein paar Stunden am Strand von Graal gesessen, es war wunderbares Wetter, und keine Menschenseele war zu entdecken. Es waren keine Spuren mehr auszumachen von den großen Tagen meiner Eltern. – Ich nahm eine von der See rundgeschliffene Glasscherbe mit.“ Am Ostersonntag im April 1993 liest er dort im „Haus Grahl“ aus seinen Werken.
So schloss sich der Bogen zu seiner Heimat für Walter Kempowski dann nach langer Zeit doch. Regelmäßig war er seit 1990 in Rostock. Noch fast 20 Jahre lang konnte er eine rege Beziehung zur Hansestadt, seinem Mecklenburg und der vertrauten Ostseeküste führen.

Walter Kempowski war Ehrenbürger der Stadt Rostock. Ihm wurde die Ehrendoktorwürde der philosophischen Fakultät der Universität Rostock verliehen und er bekleidete dort eine Honorarprofessur für Neuere Literatur- und Kulturgeschichte. Im Klosterhof, Haus 3, ist heute das Kempowski-Archiv Rostock untergebracht (www.kempowski-archiv-rostock.de).

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  1. Walter Kempowski in Graal
  2. Das Ostseebad Graal und die Familie Kempowski
  3. Walter Kempowski – Biographie und Werk

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