Walter Kempowski – Biographie und Werk

„Und ich muss sagen, in den Büchern sieht man, wes Geistes Kind er war. Da liest man drin und ist getröstet, seltsamerweise. Das Gemüt wird angesprochen, man wird zur Anteilnahme angespornt beim Lesen, und gleichzeitig wird man auch erheitert. Es strömt eine Wärme aus diesen Büchern.“

(Hildegard Kempowski im März 2008 für WELT online)

Walter Kempowski wurde am 29. April 1929 als Rostocker Reederssohn geboren. Er hatte zwei ältere Geschwister, Ursula und Robert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg – der Vater war gefallen – ging Walter Kempowski in den Westen und fand Arbeit in einem Wiesbadener Lebensmittelgeschäft der US Army. In jener Zeit übergab er dem amerikanischen Geheimdienst Dokumente, die belegten, in welchem Umfang die sowjetischen Besatzer Güter aus dem Rostocker Hafen abtransportieren ließen.

Ein einziger Besuch in Rostock im März 1948 kostete ihn dann Kopf und Kragen: Kempowski wurde verhaftet und musste acht Jahre lang im Zuchthaus Bautzen einsitzen. Keine neunzehn Jahre alt war er bei Beginn der Haft, 27, als er wieder freikam. Das ursprüngliche Urteil des sowjetischen Militärgerichts lautete sogar 25 Jahre Zwangsarbeit – für einen „Achtzehnjährigen, der allenfalls etwas journalistisches Material gesammelt hatte“, schreibt Walter Kempowski in einem seiner Tagebücher. Sein Schicksal war damit allerdings nicht beendet. Im Westen wurde ihm nun die Anerkennung als politischer Häftling verweigert.

Vielleicht gab das den Ausschlag dafür, dass Walter Kempowski nun unermüdlich mit seiner schriftstellerischen Arbeit begann. 1969 erschien sein Erstling „Im Block“, ein Bericht über seine Haftzeit. Der Literaturkritiker Volker Hage schreibt in „Walter Kempowski. Bücher und Begegnungen“ (2009):

„Er, der literarische Neuling, ein Opfer von Willkürjustiz, hatte nach der Haft den Impuls, zunächst alles zusammenzutragen und um sich zu versammeln, was ihn an seine Kindheit und Jugend erinnerte: alte Fotos, Adreßbücher, Zeitungen, Spielzeuge. Mitte der fünfziger Jahre begann er damit, seine Mutter, seinen Bruder, und andere Verwandte vor ein Tonbandgerät zu setzen und zu befragen. Das alles wurde zur Grundlage zunächst für den Roman 'Tadellöser & Wolff', später auch für andere Teile jener Chronik des deutschen Bürgertums, mit der er berühmt werden sollte.“
Jene „Deutsche Chronik“ besteht aus sechs Romanen, die rund 2 500 Seiten und die Zeitspanne von 1885 bis 1960 umfassen. Der Roman „Tadellöser & Wolff“ ist besonders bekannt geworden, weil er in den siebziger Jahren verfilmt worden ist. Die Eltern Kempowski wurden von Edda Seippel und Karl Lieffen so überzeugend dargestellt, dass Walter Kempowski noch lange, wenn er an seinen Vater dachte, Karl Lieffen vor Augen hatte.

Seit 1960 arbeitete Kempowski außerdem rund 20 Jahre lang als Grundschullehrer im Kreis Rotenburg/Wümme. Im selben Jahr heiratete er seine Frau Hildegard Janssen. Die Kinder Renate und Karl-Friedrich wurden 1961 und 1962 geboren.

Walter Kempowski starb am 5. Oktober 2007 in Rotenburg an der Wümme.

Die Romane der „Deutschen Chronik“

Aus großer Zeit (1978)
Leben der Großeltern und Eltern bis 1918

Schöne Aussicht (1981)
20er Jahre bis zum Beginn der Naziherrschaft

Tadellöser & Wolff (1971)
Kempowskis Jugend in Rostock bis zum Kriegsende

Uns geht's ja noch gold (1972)
Rostock in den unmittelbaren Nachkriegsjahren bis zur Verhaftung des 18-Jährigen Walter 1948

Ein Kapitel für sich (1975)
Acht Jahre Haft in Bautzen und die Ankunft in der Bundesrepublik

Herzlich willkommen (1984)
Die ersten Jahre in der Bundesrepublik

Neben der eigenen Familiengeschichte interessierte Walter Kempowski sich auch immer für die kollektive Erfahrung der Deutschen. Schon 1972 hatte er die fixe Idee, ihnen nur eine einzige Frage zu stellen: Haben Sie Hitler gesehen? Das Buch, „ein grandioses Dokument der Zeitgeschichte“ (Hage) erschien 1973. Es folgte 1979 die Veröffentlichung der Antworten auf die zweite Frage ,Haben Sie davon gewusst?', auch diese Sammlung „ein Ereignis“ (Hage).

Außerdem begann Kempowski in den 80er-Jahren, biographische Materialien zu sammeln, oft per Zeitungsannonce: Tagebücher, Briefe, Autobiographien, Notizen und Fotographien. Er schafft ein Archiv, das in seiner Breite und Intensität kaum zu fassen ist. „Ich glaube nicht, dass es einen zeitgenössischen Roman gibt, der es mit der Substanz dieses Archivs aufnehmen könnte. Das fasziniert mich“, sagt Kempowski in einem Interview. Echolot nennt er sein Mammutprojekt, bei dem er das Material sichtet, sortiert, auswertet, zu Collagen verarbeitet und dann als Kunstwerk veröffentlicht. „Das Echolot ist eine Art Parallelunternehmen, gewissermaßen der zweite Rumpf des Katamarans.“ Mit diesem Satz verdeutlicht Kempowski die Ebenbürtigkeit dieser archivarischen und editorischen Arbeit mit seiner literarischen Tätigkeit. Und auch die Kritik erkennt den Wert dieser Leistung. Frank Schirrmacher schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (13. November 1993): „Wenn die Welt noch Augen hat zu sehen, wird sie, um es in einem Wort zu sagen, in diesem Werk eine der größten Leistungen der Literatur unseres Jahrhunderts erblicken.“ Und Volker Hage im Spiegel (Nr. 53/1992): „eines der letzten großen Wagnisse dieses Jahrhunderts“.

Das Echolot-Projekt

Echolot. Ein kollektives Tagebuch. Januar und Februar 1943 (1993)
Echolot. Fuga furiosa. Ein kollektives Tagebuch Winter 1945 (1999)
Der Rote Hahn. Dresden im Februar 1945 (2001)
Echolot. Barbarossa ’41 (2002)
Echolot. Abgesang ’45 (2005)

Weitere Romane

Hundstage (1988)
Heile Welt (1998)
Letzte Grüße (2003)
Alles umsonst (2006)

Tagebücher

Sirius. Eine Art Tagebuch (1990)
Alkor. Tagebuch 1989 (2001)
Hamit. Tagebuch 1990 (2006)
Somnia. Tagebuch 1991 (2008)

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  1. Kempowski in Graal
  2. Das Ostseebad Graal und die Familie Kempowski
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