„Ich habe Kafka geliebt.“ Dora Diamant - die letzte große Liebe

„Ja, man kann sagen, dass Graal-Müritz ein Ort der Verlobung ist“, sagt Helga Serauky, und sie muss es wissen, denn sie hat jahrzehntelang Gäste auf literarischen Spuren durch den Ort geführt. Und gerade im Falle Franz Kafkas trifft sie hier mitten ins Schwarze. Zwischen ihm und der 19-jährigen Dora Diamant begann im Juli 1923 eine der großen Liebesgeschichten der Weltliteratur. „Als ich Kafka das erstemal sah, erfüllte sein Bild sofort meine Vorstellung vom Menschen“, wird Dora später über ihn sagen. Er schreibt drei Wochen nach dem Kennenlernen über sie: „Dora ist ein wunderbares Wesen.“
Schräg hinter der „Pension Glückauf“, in der Kafka mit seiner Schwester Elli und den Kindern wohnte, lag das „Haus Huter“, das Ferienhaus des „Jüdischen Volksheims Berlin“. Der Verein war 1916 in der Hauptstadt gegründet worden, und kümmerte sich vor allem um die Ausbildung und Erziehung ostjüdischer Kinder. Von Anfang an war auch Kafkas enger Freund, der Schriftsteller Max Brod, ein Förderer des Vereins. Auch Kafkas ehemalige Verlobte Felice Bauer hatte dort schon Lektürekurse für die Kinder abgehalten, und Franz Kafka hatte ihr dabei „assistiert“. Kafka kannte also das Berliner Jüdische Volksheim schon seit Jahren, und sein Interesse muss groß gewesen sein, einmal einen Blick in diese Welt dort schräg gegenüber zu werfen. So traf es sich gut, dass ein Mädchen aus dem jüdischen Ferienheim, die sechzehnjährige Tile Rössler, Franz Kafka schon längst erkannt hatte. Sie war Buchhandelslehrling und hatte auch schon etwas von ihm gelesen. Durch sie kommt Franz Kafka nun in näheren Kontakt mit den Betreuern und Kindern der Ferienkolonie und beschließt, den Freitagabend vor dem Sabbat zusammen mit ihnen zu feiern. An jenem Abend, dem 13. Juli 1923, lernt er Dora kennen.
Auch Dora war der Schriftsteller bereits aufgefallen. Später erinnert sie sich: „Ich begegnete Kafka zum ersten Male an der Ostsee, im Sommer 1923. Ich war damals sehr jung, neunzehn Jahre, und arbeitete freiwillig für ein Ferienlager in einem Berliner Volksheim in Müritz [...]. Eines Tages sah ich am Strand eine Familie spielen, Eltern und zwei Kinder. Der Mann fiel mir besonders auf, ich konnte seinen Eindruck nicht loswerden. Ich ging diesen Leuten sogar in die Stadt nach, und später traf ich sie dann wieder. Eines Tages wurde im Volksheim bekanntgegeben, daß Dr. Franz Kafka zum Abendessen kommen würde. Ich hatte zu der Zeit gerade in der Küche zu tun. Als ich von meiner Arbeit aufblickte - der Raum hatte sich verdunkelt, es stand jemand draußen vor dem Fenster - erkannte ich den Herrn vom Strand wieder. Dann trat er ein - ich wußte nicht, daß es Kafka war und daß die Frau, mit der ich ihn am Strande zusammen gesehen hatte, seine Schwester war. Er sagte mit sanfter Stimme: 'So zarte Hände, und sie müssen so blutige Arbeit verrichten.'„
Von diesem Moment an verbringen die beiden in Müritz viel Zeit zusammen. Und Dora zieht Franz Kafka so in ihren Bann, dass er für sie sogar das vertraute Prag verlässt. Von September 1923 bis März 1924 wohnen beide in Berlin, er in Steglitz, sie im Scheunenviertel. Dora verbringt jede freie Minute in Steglitz - eine intensive Phase in schweren Zeiten. Wegen der Wirtschaftskrise und der Inflation sind sie auf Geld- und Lebensmittelsendungen von Kafkas Prager Familie angewiesen. Stundenlang steht Kafka mitunter in Schlangen an. „So erlebte er die Gemeinschaft mit einem unglücklichen Volk in einer unglücklichen Zeit“, beschreibt Dora Diamant ihre gemeinsame Berliner Ära.
Sie war für Dora und Franz in dem Moment zu Ende, als seine Tuberkulose-Erkrankung in das letzte Stadium eintrat. Zunächst wurde Kafka wieder in seine Heimat nach Prag gebracht, dann in Sanatorien und Krankenhäuser von Wien und Umgebung. Als Dora ihn wiedersah, konnte er schon nicht mehr sprechen. Als Franz Kafka am 3. Juni 1924 starb, war Dora bei ihm. Bei seiner Beerdigung in Prag brach sie ohnmächtig zusammen.
Auch Hochzeitspläne hatte Kafka geschmiedet. Sein Freund Max Brod überliefert die Geschichte der Werbung um Dora. Kafka hatte ihrem frommen jüdischen Vater einen Brief geschickt, in dem er darlegte, dass er zwar im traditionellen Sinne kein gläubiger Jude, aber doch ein 'Bereuender', ein 'Umkehrender' sei und deshalb eventuell doch hoffen dürfe, in die Familie aufgenommen zu werden. Der Vater war daraufhin mit dem Brief zu einem berühmten Rabbi gereist, den er verehrte und dessen Autorität ihm über alles ging. Dieser Rabbi las den Brief, legte ihn weg und sagte nichts als ein kurzes 'Nein'.

Dora Diamant verwahrte Manuskripte und Briefe Kafkas in ihrer Berliner Wohnung. Die Gestapo beschlagnahmte sie bei einer Durchsuchung. Seitdem sind sie verloren.

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