Der Sommer in Müritz 1914

„Die Welt war anders als daheim und genauso schön“, schreibt Erich Kästner, dessen Herz immer für seine Heimatstadt Dresden schlug, über Müritz. „Als ich ein kleiner Junge war“ heißen seine berühmten Kindheitserinnerungen. Und es ist berührend zu lesen, wie intensiv er sich nach rund 45 Jahren noch an seinen ersten Blick auf die Ostsee erinnert:

„Eine Stunde später stand ich, vom Strandhafer zerkratzt, zwischen den Dünen und sah aufs Meer hinaus. Auf diesen atemberaubend grenzenlosen Spiegel aus Flaschengrün und Mancherleiblau und Silberglanz. Die Augen erschraken, doch es war ein heiliger Schrecken, und Tränen trübten den ersten Blick ins Unendliche, das selber keine Augen hat. Das Meer war groß und blind, unheimlich und voller Geheimnisse.“

Von den Wellen schreibt er, die mit „weißen Spitzenborten gesäumt“ sind, von „schillernden Quallen“, „raunenden Muscheln“ und „goldgelbem Bernstein“. Und „am schönsten“ - das fand Kästner wie so viele andere Menschen auch - „war die Welt am Meer in sternklaren Nächten. Über unseren Köpfen funkelten und zwinkerten viel mehr Sterne als daheim, und sie leuchteten königlicher. Der Mondschein lag wie ein Silberteppich auf dem Wasser. Die Wellen schlugen am Strand ihren ewigen Takt. [...] Wir saßen auf der Mole. Uns war so vieles unbekannt, und wir schwiegen. Plötzlich erscholl Operettenmusik in der Ferne und kam langsam näher. Ein Küstendampfer kehrte, mit Lampions geschmückt, von einer der beliebten und preiswerten ‚Mondscheinfahrten in See‘ zurück. Er legte schaukelnd am Molenkopf an. Ein paar Dutzend Feriengäste stiegen aus. Lachend und lärmend trabten sie an unserer Bank vorüber. Kurz darauf versank das Gelächter hinter den Dünen, und wir waren wieder mit der See, dem Mond und den Sternen allein.“
Und natürlich wäre Kästner nicht Kästner, wenn er nicht auch noch einen kurzen scharfen Blick auf das Strandleben geworfen hätte:
„Am Rande des Erhabenen fand das Lächerliche statt. Man war den Städten entflohen und hockte jetzt, angesichts der Unendlichkeit, noch viel enger nebeneinander als in Hamburg, Dresden und Berlin. Man quetschte sich auf einem Eckchen Strand laut und schwitzend zusammen wie in einem Viehwagen. Links und rechts davon war der Strand leer. Die Dünen waren leer. Die Wälder und die Heide waren leer. Während der Ferien lagen die Mietskasernen am Ozean. Sie hatten keine Dächer, das war gut. Sie hatten keine Türen, das war peinlich. Und die Nachbarn waren funkelnagelneu, das war für die Funkelnagelneugierde ein gefundenes Fressen. Der Mensch glich dem Schaf und trat in Herden auf.“
Auch später hatte Erich Kästner immer mal wieder einen spöttischen Blick für das Badeleben an den Stränden der Ostsee übrig. Vor allem, nachdem seit den 20er-Jahren immer öfter die Hüllen fallen gelassen wurden. 1930 dichtet er:

Freigelassne Bäuche und Popos
stehn und liegen kreuz und quer im Sande.
Dicke Tanten senken die Trikots
und sehn aus wie Quallen auf dem Lande.

Wo man hinschaut, wird den Augen schlecht,
und man schließt sie fest, um, nichts zu sehen.
Doch dann sieht man dies und das erst recht.
Man beschließt, es müsse was geschehen.

Wütend stürzt man über tausend Leiber,
bis ans Meer und dann sogar hinein,
doch auch hier sind dicke Herren und Weiber.
Fett schwimmt oben. Muss denn das so sein?

Traurig hängt man in den grünen Wellen,
vor der Nase eine Frau in Blond.
Ach, das Meer hat nirgends freie Stellen,
und das Fett verhüllt den Horizont.

Hier bleibt keine Wahl, als zu ersaufen!
Und man macht sich schwer wie einen Stein.
Langsam lässt man sich voll Wasser laufen.
Auf dem Meeresgrund ist man allein.

„Am Rande des Erhabenen fand das Lächerliche statt“ - und am Rande des Schönsten fand das Schrecklichste statt. Auch das gilt für Kästners ersten und letzten großen Urlaub seiner Kindheit: Am 1. August 1914, einem herrlichen Wochenende inmitten der Ferien, erklärte der deutsche Kaiser die Mobilmachung. Der Erste Weltkrieg, der an seinem Ende 1918 mehr als 17 Millionen Menschen das Leben gekostet haben wird, begann. Die Kästners mussten Müritz überstürzt verlassen - wie fast alle anderen Urlauber auch:
„Am 1. August 1914, mitten im Ferienglück, befahl der deutsche Kaiser die Mobilmachung. Der Tod setzte den Helm auf. Der Krieg griff zur Fackel. Die apokalyptischen Reiter holten ihre Pferde aus dem Stall. Und das Schicksal trat mit dem Stiefel in den Ameisenhaufen Europa. Jetzt gab es keine Mondscheinfahrten mehr, und niemand blieb in seinem Strandkorb sitzen. Alle packten die Koffer. Alle wollten nach Hause. Es gab kein Halten. Im Handumdrehen waren, bis zum letzten Karren, alle Fuhrwerke vermietet. Und so schleppten wir unsere Koffer zu Fuße durch den Wald. [...] Mit Sack und Pack und Kind und Kegel wälzte sich der Menschenstrom dahin. Wir flohen, als habe hinter uns ein Erdbeben stattgefunden. Und der Wald sah aus wie ein grüner Bahnsteig, auf dem sich Tausende stießen und drängten. Nur fort!“

Ein trauriger Abschied von einem der schönsten Urlaube. Erich Kästners Kindheit war an diesem Tag zu Ende.

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