Graal in Hans Falladas Werk

„In Müritz gab es schon Berliner, aber in Graal herrschte noch der Friede“ - Graal in Hans Falladas Werk

Zwischen 1906 und 1909 machte Hans Fallada hier mit Eltern und Geschwistern Sommerferien. Damals war er zwischen 13 und 16 Jahren alt. In seinem Buch Damals bei uns daheim. Erlebtes, Erfahrenes und Erfundenes von 1941 erinnert er sich an jene schöne Zeit. „Unwahrscheinlich anmutig sind diese Texte. Fallada bringt regelrecht ein Leuchten in den Ort“, schwärmt Helga Serauky, die in Graal-Müritz jahrzehntelang literarische Touren geleitet hat. Über Hans Falladas Texte bekommt man auch einen sehr guten Einblick in das Bade- und Strandleben der vergangenen Jahrhundertwende. Auch die Landschaft der Graal-Müritzer Gegend wird in Falladas Texten wunderbar lebendig:

„Wir haben in Graal manchen Sommer verbracht, als dort noch alles still und ländlich war...“
„Die Wahl des Ortes war stets recht schwierig, denn er mußte billig sein, nicht zu weit von Berlin entfernt liegen, und er mußte dem Ideal entsprechen, das meine Eltern von ländlicher Stille und Schönheit hatten. So haben die Eltern Sommerfrischen entdeckt, in die damals noch kaum je ein Berliner gekommen war. [...], und wir haben in Graal manchen Sommer die Ferien verbracht, als dort noch alles still und ländlich war, ohne Strandkörbe und ohne Kurtaxe. In Müritz gab es schon Berliner, Müritz war ein aufblühendes Seebad, aber in Graal herrschte noch der Friede.“

„Natürlich baden wir! ... Gott ja, man war nun einmal an der See, und so gehörte es eben dazu...“
„Wie die Tage dahinfliegen! Baden wir denn eigentlich gar nicht in der See? Doch! Natürlich baden wir! Graal fängt schon schüchtern an, sich ein Seebad zu nennen, da wird man wohl schon baden müssen. Freilich, es sind fast vierzig Jahre seitdem vergangen, eigentlich keine so außerordentlich lange Zeitspanne, aber jedenfalls dachte man damals noch sehr viel anders über Baden als heute! Zu vieles Baden war ungesund, es 'zehrte', man mußte sich mit dem Baden in acht nehmen, nicht zu lange und nicht zu häufig! So kam es, daß wir höchstens zwei- oder dreimal in der Woche badeten, und ich kann eigentlich nicht sagen, daß dieses seltene Baden unser Ferienglück irgendwie beeinträchtigte. [...] Gott ja, man war nun einmal an der See, und so gehörte es eben dazu, aber im Grunde genommen war Waten viel schöner!“

„Der Gedanke vom Strand aus zu baden, war so sittenlos, daß er noch in keinem Schädel seine Sumpfblasen aufgetrieben hatte“
„Es gab zwei kleine Badeanstalten, ein Damen- und ein Herrenbad, und die Trennung nach Geschlechtern wurde aufs strengste durchgeführt. Der Gedanke, einfach vom Strand aus zu baden, war so sittenlos, daß er noch in keinem Schädel seine Sumpfblasen aufgetrieben hatte. Wohl kamen vereinzelt Entartete vor, die sich während der Badezeit in den Dünen herumtrieben, aber das waren nur Ausnahmen, die bald von wachthaltenden Fischern ermittelt wurden und der allgemeinen Verachtung anheimfielen. Groß aber kann ihre Ausbeute an Genüssen selbst mit Ferngläsern nicht gewesen sein, denn die Damen trugen ja damals noch diese seltsamen, meist roten Badeanzüge, bei denen die Hosen bis weit über das Knie hinabreichten. Ein Rock fiel noch darüber, und das Ganze saß, von einem Gürtel gehalten, teils in glänzender Falte, teils wie angeklatscht am Leibe und sah eher komisch aus als verführerisch.“

„Die Empörung, wenn uns der Brettersteg gestohlen war (den wir erst gestohlen hatten)!“
„So wenig besucht damals Graal auch noch war, der Kampf um die schönste Burg stand doch schon in voller Blüte, und wir wollten nicht umsonst in tagelangen Bemühungen einen Wall und Graben angelegt haben, die auch der stärksten Sturmflut zu trotzen schienen! Die Freude, wenn man zur heimischen Burg kam, und alles war noch in bester Ordnung, die Empörung, wenn uns der Brettersteg über den Graben gestohlen war (den wir erst gestohlen hatten), oder gar der Balken, der Mutters Sitzplatz bildete! Aufklärungsfahrten wurden organisiert, Spione ausgesandt, und war der Verbleib des Diebesguts ermittelt, so wurde je nach Art und Kraft des neuen Besitzers entweder Bitten oder offene Gewalt oder List beschlossen. Ja, diese Sommerferien hatten auch noch das Gute zur Folge, daß wir vier Geschwister plötzlich einen Heerbann bildeten. Wie uns die Ferien den Eltern näherbrachten, so schufen sie auch zwischen uns Geschwistern, wenigstens gegen die Umwelt, Einigkeit. In Berlin waren wir vier zwei getrennte Großmächte gewesen [...]. Hier in Graal war das ganz anders. Wollten wir etwas erreichen, mußten wir zusammenhalten.“

„Wir wußten den Weg von Gelbensande nach Graal mit jeder Abzweigung“
„War der Ort der künftigen Sommerfrische bestimmt, so war das erste, daß mein Vater sich Karten von ihm kaufte, Karten der Landesaufnahme, sogenannte Meßtischblätter. [...] Unter seiner Leitung lernten wir unmerklich Karten lesen, wir kannten bald jedes Zeichen auf diesen Blättern. Wir wußten den Weg von Gelbensande nach Graal mit jeder Abzweigung, jeder Schonung. Wir konnten genau sagen, wann der Wald aufhörte und das langgestreckte Dorf sichtbar wurde. Und so gut wir das alles im voraus wußten, so überrascht waren wir doch immer wieder, wenn das auf dem schwarz-weißen Blatt Gesehene sich in die Wirklichkeit umsetzte. Die kleinen, mickrigen Waldzeichen auf der Karte wurden nun zu einem überwältigend hohen Buchendom, der Weg, der so klar und glatt vor uns gelegen hatte, mit einem Blick zu übersehen, wand sich nun in vielen Krümmungen, daß man keine hundert Schritte voraussehen konnte, durch den Wald. Er war auch nicht glatt, tief war er in den Sand eingeschnitten, und hob sich über Hügelchen, von denen die Karte nichts gewußt hatte.“

„Wir waren Großstadtkinder, es erschien uns herrlich, daß alles umsonst wuchs“
„Noch an demselben Abend ging der Vater nach dem Abendessen mit uns Kindern zum Strand, Mutter und Christa bereiteten unterdes die Schlafgelegenheiten vor. Es war fast noch hell, und wir liefen jubelnd vom Feldweg an die Ränder der Kornfelder. Wir pflückten roten Mohn und blaue Kornblumen, rosa Raden und weiße Margeriten. Wir waren Großstadtkinder, es schien uns unbegreiflich herrlich, daß dies alles 'umsonst' wuchs, daß wir keiner Blumenfrau dafür Geld zu geben hatten.“

„...und wie jedes Jahr überfällt mich das altvertraute Gefühl der ungeheuren Weite“
Nun kommen wir in den Wald, und es wird dunkler um uns. Wir Kinder halten uns näher beim Vater und fangen an zu lauschen, ob wir schon die Brandung der See hören. Aber Vater sagt uns, es wird heute keine Brandung geben, es ist kaum Wind gewesen am Tage. Und trotzdem hoffen wir und lauschen wir weiter.[...]
Allmählich wird der hochstämmige Kiefernwald niedriger, er flacht sich gegen die See ab wie ein ungeheures schräges Dach, die Bäume sind alle landeinwärts gewachsen. Immer niedriger werden sie, immer verkrüppelter, hell schimmert es schon vor uns durch sie hindurch.
Nun fangen wir doch wieder an zu laufen, jedes will zuerst die See sehen. Die Kiefern haben aufgehört, wir laufen nun mühsam im Dünensand bergan. Der Strandhafer raschelt, ein kühler Atem bläst uns sanft an.
Und dann stehe ich wieder oben auf der Düne und wie jedes Jahr, wenn wir an der See sind, überfällt mich das altvertraute, und doch immer wieder bestürzende Gefühl der ungeheuren Weite, die sich mir auftut. Zuerst sehe und fühle ich nichts anderes als dies, wie groß das ist, wie es immer weiter geht, auch dort, wo Horizont und Wasser ineinander verlaufen."

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